Nach bestem Wissen und Gewissen
Wahrheit und Lüge in der Politik – ein großes und ein gefährliches Thema zugleich. Als Christ erinnert man sich sofort an die Pilatus-Frage: »Was ist Wahrheit?« Und das Schweigen Jesu auf diese Frage. Seine Antwort war sein Leben und Sterben, wie es in der Bibel bezeugt ist. Und so beschäftigt uns, soll ich gar sagen: quält uns, die Wahrheitsfrage seit Anbeginn des Menschen, seit der Vertreibung aus dem Paradies. Vielleicht ist das ja der eigentliche Kern des Vertrieben-Seins: dass wir immer auf der Suche nach der Wahrheit sind. Dass wir zur Freiheit der Suche nach der Wahrheit verurteilt sind. Niemand kann sagen, er habe sie, er sei in ihrem Besitz. Manche vielleicht dürfen sagen, die Wahrheit habe sie, die Wahrheit habe sie berührt. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Wer dies nicht sagen darf, das sind die Politiker. Und deshalb beginne ich mit ein paar schlichten, einfachen Feststellungen.
Sie haben bereits ein
-Abo? Hier anmelden
Wolfgang Thierse, Kulturwissenschaftler und Germanist, war Mitglied der frei gewählten Volkskammer und Vorsitzender der SPD in der DDR. Von 1990 bis 2013 Bundestagsabgeordneter, war er viele Jahre Bundestagspräsident und -vizepräsident und stellvertretender SPD-Parteivorsitzender. Thierse war Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und ist Mitherausgeber von Publik-Forum. Er lebt in Berlin.

