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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2017
Wem gehört die Welt?
Einblicke in die Machtverhältnisse des globalen Kapitalismus
Der Inhalt:

Kirchentag 2017: Flop? Größenwahn?

Sieben Kirchentage in Ostdeutschland, einer in Berlin: Die Christentreffen im Mai – alle gleichzeitig und alle groß angekündigt – funktionierten schlechter als geplant. Mancherorts war die Besucherzahl unterirdisch. Doch öffentlich analysieren das die Organisatoren nicht. Warum? Ein Gespräch mit dem Leipziger Pfarrer Christian Wolff
Christian Wolff, evangelischer Theologe, Leipzig, kritisiert den Kirchentag im Rückblick scharf: »Man war stolz auf den Auftritt von Obama in Berlin, legte Wert auf große Zahlen und organisierte nebenbei noch eine Wahlkampfveranstaltung für Frau Merkel. Und man denkt, das ist es. Das nenne ich Selbsttäuschung.« (Foto: epd/Knoch)
Christian Wolff, evangelischer Theologe, Leipzig, kritisiert den Kirchentag im Rückblick scharf: »Man war stolz auf den Auftritt von Obama in Berlin, legte Wert auf große Zahlen und organisierte nebenbei noch eine Wahlkampfveranstaltung für Frau Merkel. Und man denkt, das ist es. Das nenne ich Selbsttäuschung.« (Foto: epd/Knoch)

Publik-Forum: Herr Wolff, die »Kirchentage auf dem Weg« haben manches Highlight geboten. Sie aber sagen: »Sie waren ein Flop mit Ansage«. Wie kommen Sie zu Ihrem Urteil?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 13/2017 vom 07.07.2017, Seite 36
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Christian Wolff: Man hat eine Strategie der Selbsttäuschung betrieben. Trotz leerer Hallen sagen die Verantwortlichen: Alles war gelungen. Auch beim Abschlussgottesdienst in Wittenberg sonnte man sich in fiktiven Zahlen. Das geht gar nicht.

Wo lag das Problem?

Wolff: Als sich vor einem Jahr abzeichnete, dass das Konzept nicht funktionieren würde, hat man trotzdem einfach so weitergemacht. Man löste sich von den Gemeinden vor Ort und hat auf deren Rat und Mitarbeit verzichtet. Das Projekt wurde von oben durchgezogen. Man hätte sich erst mal klarmachen müssen, was Reformation heute bedeutet. Das kam auch beim großen Kirchentag in Berlin zu kurz.

Und was heißt Reformation heute?

Wolff: Reformation entsteht in einer Krise. Das Reformationsjubiläum wäre Anlass gewesen, sich mit der tief greifenden Krise unserer Kirche auseinanderzusetzen. Das ist leider nicht geschehen.

Meinen Sie wirklich, dass man mit dem Thema »Krise der Kirche« die Menschen vom Hocker gerissen hätte?

Wolff: Reformation ist mehr, als die Welt zu hinterfragen. Es gilt, Welt und Kirche zu erneuern. Das beginnt damit, sich der Krise zu stellen. Davon war wenig zu hören. Der Kirchentag hat sich entkoppelt von der Gemeindewirklichkeit. Er hat etwas vorgetäuscht, was an vielen Stellen nicht mehr ist. Er vermittelte die Botschaft: Eigentlich ist alles in Ordnung. Wir schwimmen oben mit. Es fehlte an neuen Ideen.

Woran machen Sie das fest?

Wolff: Bei der Gestaltung des Abschlussgottesdienstes in Wittenberg hätte man sich fragen können: Was haben Luther und die Reformatoren mit der Einführung der Deutschen Messe gewollt? Damals wurden neue Beteiligungsformen entwickelt. Und heute? Gottesdienst feiern ist ein Spezifikum der Kirchen. Das macht sonst niemand. Umso wichtiger wäre es, neue Wege zu finden, die erklären, was man hier feiert.

Welche weiteren Parallelen sehen Sie zur Reformation?

Wolff: Vor 500 Jahren versuchte die Institution Kirche durch Druck, Angst und Prachtentfaltung den eigenen Verfall zu überspielen. Durch Bildungsverweigerung blieben die biblischen Inhalte verschlossen, eine Sache für Spezialisten. Zeitgleich gab es einen sozialen Umbruch, einen Aufbruch in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Die politischen Mächte sortierten sich neu. Da sehe ich viele Parallelen zu heute.

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Wie setzt man das auf Kirchentagen um?

Wolff: Ich bin nicht der Neunmalkluge, der genau weiß, wie man den Kirchentag hätte anders gestalten sollen. Doch es kann nicht darum gehen, in einer panischen Selbstzufriedenheit ein großes Event zu organisieren. Man war stolz auf den Auftritt von Obama in Berlin, legte Wert auf große Zahlen und organisierte nebenbei noch eine Wahlkampfveranstaltung für Frau Merkel. Und man denkt, das ist es. Das nenne ich Selbsttäuschung.

Inwiefern?

Wolff: Immer mehr Menschen leben unter uns ohne kirchlichen Bezug und vermissen dabei nichts. In den Städten sind immer mehr Religionen präsent und machen konkurrierende Angebote. Für die Kirchengemeinden wird es immer schwieriger, inhaltlich und personell ihre Präsenz vor Ort zu organisieren und Menschennähe zu praktizieren. Hier kommt der gravierende Traditionsabbruch, der rasant voranschreitet. Diesen Problemen müssen wir uns stellen, statt kirchliche Arbeit auf strukturelle Veränderungen zu reduzieren.

Was sind dabei die wichtigsten Fragen?

Wolff: Warum muss es uns überhaupt geben? Was ist unser Beitrag zum gesellschaftlichen Leben vor Ort? Wer hier nach Antworten sucht, muss zurück zu den Quellen. Wer Antworten findet, wird neu motiviert für das Wichtigste: Die Verbindung von Gottvertrauen und Alltag. Das ist natürlich keine Sache, die sich in vier Tagen abhandeln lässt.

Worum müsste es da in der säkularen Gesellschaft gehen?

Wolff: Um die Befreiung des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit. Die Freiheit des Christenmenschen, das Priestertum aller Gläubigen, heißt nichts anderes als die grundsätzliche Gleichberechtigung eines jeden Menschen. Luther hat von der Gleichheit der Christen gesprochen, egal ob Bauern, Fürsten oder Priester. Oder die Frage der Rechtfertigung allein aus Gnade: Du musst dein Leben nicht ständig neu begründen. Das ist eine Botschaft, die von Angst und Selbstbehauptung befreit.

Was heißt das denn heute?

Wolff: Dass jeder Mensch sich als Geschöpf Gottes gleichberechtigt beteiligen kann am gesellschaftlichen Leben, dass Kirche ihr eigenes Tun als Beitrag zum demokratischen Leben verstehen und gestalten muss. Nach innen und außen. Natürlich haben wir uns und anderen Rechenschaft darüber zu geben, warum wir Christen das so sehen. Das hängst entscheidend mit dem Gottesglauben zusammen. Hier verweise ich gern auf die ersten elf Kapitel unserer Bibel, eine Art Ur-Evangelium. Von der Schöpfung bis zum Turmbau zu Babel geht es um die Fragen: Wie kommen wir in einer Welt zurecht, in der es Mord und Totschlag, Gut und Böse, Gelingen und Versagen gibt? Wie können wir als Menschen bestehen?

Nämlich wie?

Wolff: Nur dadurch, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit in jedem Menschen ein Geschöpf Gottes sehen, das mit Recht und Würde gesegnet ist. Diesem wunderbaren Zuspruch müssen wir als Christen gerecht werden. Darum haben Frieden, das gerechte Miteinander, Pluralität für Christen eine so große Bedeutung. Diese Glaubensüberzeugung gilt es, in einer offenen Gesellschaft zu kommunizieren.

Kommentare
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Anne Dahm
19.07.201710:54
Er HAT RECHT !

Es gibt aber in Wittenberg eine unbedingt sehenswerte Kunstausstellung im ehemaligen Frauengfängnis. - Wie so oft ersetzt die Bild-Sprache der Kunst das, was die Kirche mit "abgewetzten" Worten zu versprachlichen sucht. - Es geht auch um die moderne Hinterfragung der Dogmen, bei beiden Kirchen. Diese verhindern, so wie bisher kommuniziert, die Aufklärung im Hirn der Menschen, also auch der sog. "Gläubigen": "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Paul Haverkamp
07.07.201710:11
Die Aussagen Wolffs, dass man sich in der Kirchentagsvorbereitung von den Gemeinden vor Ort gelöst hat und man wieder zurück zu den Quellen müsse, verdient Beachtung.
1. Kirche ist keine Institution zur Legitimation der Großkopfigen, sondern darf ihre Berechtigung nur durch ihre Dienstfunktion erhalten – vor allem gegenüber den Ärmsten der Armen!
2. Kirche verliert um so mehr Bedeutung, je dramatischer sie sich von ihrem Ursprung, nämlich Jesus von Nazareth, entfernt. Nur eine jesuanisch ausgerichtete Kirche wird auch in Zukunft Beachtung, Respekt und Anerkennung finden.
Wenn Kirchen nicht lernen, sowohl in der Sprache als auch in ihrem konkreten Handeln an der von Jesus praktizierten Nähe zu den Menschen sich auszurichten und statt Macht, Herrschaft und Unbarmherzigkeit wieder Menschennähe, Toleranz, Epikie und Armut (Jesusnähe) zu praktizieren, werden die in der Nachfolge Jesu zu Unrecht sich Wähnenden zu kirchlichen Totengräbern degenerieren.
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