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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2017
Wem gehört die Welt?
Einblicke in die Machtverhältnisse des globalen Kapitalismus
Der Inhalt:

Der Mensch ist nicht frei

von Eugen Drewermann vom 07.07.2017
Warum wir die Erbsündenlehre nicht verwerfen sollten – und wie wir sie richtig verstehen können

Von Grund auf glauben wir als gute Bürger an die Freiheit des Menschen. Diese Überzeugung ist die Basis unseres Moral- und Justizverständnisses. Sie erlaubt uns eine einfache Umgangsweise miteinander: Du weißt, was gut und böse ist. Du bist frei. Du kannst entscheiden, was du tust. Tust du das Böse, wirst du bestraft. Ordnung muss sein und Gesetze, die übertreten werden, ohne dass es Folgen hätte, wären keine wirksamen Gesetze.

Diese Sichtweise legt nahe, dass es uns zusteht, die Menschen einzuteilen als Gute und Böse; also, dass es im Namen der Gerechtigkeit eine sittliche, juristische, ja vielleicht sogar religiöse Pflicht ist, die Bösen zu bestrafen und auszugrenzen. Sie wussten, was gut und böse ist, und haben dennoch das Böse getan – freiwillig!

Es ist genau diese Grundhaltung und Praxis, gegen die Jesus sich auf Leben und Tod verwahrt und gewehrt hat. Weil sie aus Gott einen Lieferanten von Stacheldraht macht, um Menschen von Menschen zu trennen. Weil es so billig ist, über Menschen zu Gericht zu sitzen. Weil es nicht hilft, sondern selbstgerecht macht. Natürlich gibt es Gutes und Böses, doch beides hat seine Ursachen, und denen gilt es nachzugehen. »Denn alle Gesetze können dir nur sagen, was du tun sollst, sie geben dir aber nicht die Kraft dazu«, schrieb Martin Luther 1520.

Die Tragik des Bösen

Die Tragik des Bösen liegt darin, dass Menschen Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht tun wollen. Wollte etwa Kain seinen Bruder Abel ermorden? Nein. Er wollte, wie dieser, die Gunst Gottes durch die Darbringung von Opfern zurückgewinnen (vgl. Genesis 4, 3 f.). Alle Menschen jenseits von Eden handeln so: Sie fühlen sich als Verstoßene, Ausgesetzte, Ungeliebte. Und sie denken: Wenn sie das Beste hervorbringen, was sie können, wenn sie sich nützlich machen, wenn sie produktiv sind und ihre Produkte nicht einmal für sich selber genießen, sondern auf dem Altar eines strafenden, zürnenden Gottes verbrennen, dann wird man sie mögen und anerkennen. Doch niemals kommt es dazu, – die Natur ist ungerecht. Immer bevorzugt sie den einen mehr als den anderen, immer erhebt sie den einen und lässt einen anderen fallen. Eine Welt ohne Gott ist nicht nur gnadenlos, sie ist mörderisch.

Wie kann man dieser gnadenlosen, mörderischen Welt den Glauben an einen Gott zurückbringen, der nicht straft u

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