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Ökumenischer Rat der Kirchen
Erst kommt das Reden, dann die Resolution

von Christoph Fleischmann vom 31.08.2022
Der Ökumenische Rat der Kirchen könnte mit seiner Vollversammlung ein Vorbild für weltweite Verständigung werden - und sollte sich von überholten Vorstellungen lösen. Ein Kommentar
Sie wollen bewegen: Die Fahne der ÖRK-Vollversammlung vor dem Karlsruher Schloss
Sie wollen bewegen: Die Fahne der ÖRK-Vollversammlung vor dem Karlsruher Schloss

Sagen sie nun »Apartheidsstaat« zu Israel oder nicht? Werden sie sich von Patriarch Kyrills Kriegshetze deutlich distanzieren oder nicht? Auf diese Fragen scheint das öffentliche Interesse an der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zu schrumpfen, bei der rund 4000 Kirchenvertreter aus aller Welt in Karlsruhe zusammenkommen. Und auch in den evangelischen Kirchen hierzulande werden diese beiden Themen wahlweise leidenschaftlich oder routiniert diskutiert und Forderungen an die Vollversammlung gerichtet, was sie nun beschließen möge.

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Das wirkt wie ein Überbleibsel aus einer Zeit, als das Resolutionen-Schreiben noch geholfen hat. Dabei zeigt die gute Erklärung, die der Zentralausschuss des ÖRK, zum Ukraine-Krieg Mitte Juni verabschiedet hat, einmal mehr die sehr begrenzte Reichweite solcher Erklärungen. Da wurde der Krieg genauso deutlich verurteilt wie der Missbrauch der Religion zu seiner Legitimation. Es wäre zu viel verlangt von den Kirchen, dass sie damit die Welt verändern. Passiert ist aber weit weniger: Die Welt hat kaum Notiz von dieser Erklärung genommen. Sie war eine unter vielen Resolutionen und nur deswegen bemerkenswert, weil ihr auch Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche zugestimmt haben. Das heißt, die Erklärung hätte nur dann eine weiterführende Funktion, wenn es gelänge, in der russischen Orthodoxie die Zweifel über den Kriegskurs von Patriarch Kyrill zu nähren und die westliche Sicht unter der russischen Orthodoxie zu verbreiten.

Wenn es den versammelten Delegierten gelingt, Verständnis für die jeweils andere Seite in den eigenen Kirchen und Gesellschaften zu vermitteln, wäre damit dem Frieden wohl mehr gedient als mit Deklarationen zu beweisen, dass man auf der richtigen Seite steht. Das gilt natürlich auch in umgekehrter Richtung: Was können wir im Westen von der russischen Orthodoxie lernen über eigene blinde Flecken in der Wahrnehmung des Kriegs und seiner Vorgeschichte?

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Das gilt mehr noch für das schwere Thema des Nahostkonflikts. Hilft eine neue Erklärung des Weltkirchenrates wirklich irgendwem, der in diesem Konflikt leidet? Statt angstvoll auf das A-Wort zu starren, wäre es viel sinnvoller, wenn die Delegierten aus über 100 Ländern das täten, was bei der documenta 15 in der deutschen Öffentlichkeit leider nicht gelungen ist: Sich offen darüber auszutauschen, warum im globalen Süden mitunter sehr anders über Antisemitismus und Kolonialismus gedacht wird als in unseren Breiten. Wenn es darüber hinaus gelänge, die Sicht der jeweils anderen in die eigenen Gesellschaften zu vermitteln, dann wäre das vielleicht ein Beitrag zu einer praktischen Friedensarbeit. Das heißt nicht, dass die anderen automatisch recht haben! Vielleicht führt ein Gespräch darüber auch dazu, dass der »deutsche Kontext« nicht nur ein »besonders sensibler« ist, wie es Peter Prove, zuständig für Internationale Angelegenheiten beim ÖRK, ausdrückte, sondern dass der Holocaust etwas ist, was die gesamte Christenheit in die Pflicht nimmt.

Schließlich ist da noch ein Thema, das im medialen Interesse in den Hintergrund geraten könnte: Der Klimawandel, der in vielen Weltgegenden unter der Überschrift »Klimagerechtigkeit« diskutiert wird. Während beim Diskurs in Europa diejenigen sich brüsten, die am meisten einsparen wollen, sind andernorts in der Welt diejenigen die Besten, die bisher am wenigsten das Klima mit CO2 belastet haben.

Die jeweiligen Perspektiven auf die Themen haben viel mit der Vergangenheit zu tun. Kirchen tun gut daran, sich nicht senkrecht von oben beauftragt zu sehen und zu glauben, die Welt warte auf ihr erlösendes Wort, sondern zu erkennen, dass sie Anteil haben an unerlösten Vergangenheiten. Wer das ignoriert, läuft Gefahr, diese Vergangenheiten zu wiederholen. Wenn es also den Kirchen gelänge, eine ehrliche Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd, Ost und West zu führen - und anschließend die jeweils andere Sicht in den eigenen Gesellschaften zu vermitteln, dann wäre die Karlsruher Versammlung ein schöner Erfolg.

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