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Ein Papst, der zu den Armen geht

von Markus Dobstadt 19.06.2018
Wim Wenders zeigt Papst Franziskus in seinem neuen Film als Seelsorger der Menschheit, der dazu beitragen will, dass die Welt sich grundlegend verändert. Der Film ist anrührend und auch politisch. Fragen zur Reform der Kirche blendet er weitgehend aus
Wim Wenders führte mit Papst Franziskus für seinen Dokumentationsfilm lange Gespräche (Foto: pa/©Focus Features/cour)
Wim Wenders führte mit Papst Franziskus für seinen Dokumentationsfilm lange Gespräche (Foto: pa/©Focus Features/cour)

Wann sieht man schon mal einen Film, in dem die wirklich Mächtigen der Welt wie Statisten wirken? In kurzen Schnitten sind in dem Wim-Wenders-Film »Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes« Vladimir Putin, Donald Trump, Barack Obama und Recep Tayyip Erdogan zu sehen. Sie alle kommen in den Vatikan. Die Botschaft ist klar: Nicht sie sind hier die Wichtigen. Im Mittelpunkt steht Franziskus. Doch nicht nur er.

Zwar zeigt ihn der Film häufig in Großaufnahme, er blickt den Zuschauer dabei direkt an, als spräche er nur zu ihm — das erreichte Wenders während der Gespräche mit Franziskus mit Hilfe eines Teleprompter-Arrangements. Aber der Papst lenkt den Blick weiter auf die Armen, die Kranken und Schwachen dieser Welt. Auch ihre Gesichter zeigt die Kamera in Nahaufnahme. Ihre Tränen, ihr Leid, ihre Begeisterung. Franziskus erläutert seine Agenda, die aus Mitgefühl und Liebe für diese Menschen besteht. Und Wim Wenders übersetzt Franziskus’ Botschaft konsequent in Bildsprache.

Er zeigt ihn in einer Favella in Brasilien und im Flüchtlingslager auf Lesbos, wir sehen ihn, wie er in einem Gefängnis Häftlingen die Füße wäscht und wie er ein Kinderkrankenhaus in der Zentralafrikanischen Republik besucht oder in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit Überlebenden des Naziterrors spricht. »Ihr seid nicht allein auf eurer Suche nach einem besseren Leben«, sagt er den Flüchtlingen. »Mensch, wer hat dich überzeugt, dass du Gott bist?«, fragt er in Yad Vashem. In seiner Rede im US-Kongress fordert er ein Ende des Waffenhandels und empfiehlt als Richtschnur für politisches Handeln die Goldene Regel: »Was du nicht willst, das man dir tu. Das füge keinem anderen zu.« Die Abgeordneten sind vom ihm begeistert. Aber ändert sich dadurch etwas? Die Mächtigen hören sein Wort, aber sie lassen sich dadurch von ihrem Kurs nicht abbringen.

»Reichtum ist eine Versuchung«

Für Seelsorger ist das Zuhören wichtig, sagt Franziskus. Aber für die Probleme der Weltgemeinschaft hat er auch Antworten. Sie finden sich etwa in seiner Umweltenzyklika Laudato Si’, in der er die soziale mit der ökologischen Frage verbindet. Er prangert die unaufhörliche Jagd nach Geld an, die die Menschen im Kapitalismus umtreibt, die aber zugleich die Lebensgrundlagen zerstört und für große soziale Ungerechtigkeit sorgt. »Reichtum ist eine Versuchung«, sagt Franziskus. Für die Menschen, aber auch für die Kirche. »In einer Kirche, die ihre Hoffnung darauf setzt, reich zu sein, ist Jesus nicht zu Hause«, sagt er.

Es ist naheliegend, dass Wenders im Film das Leben des heiligen Franziskus aufgreift, jenem mittelalterlichem Ordensgründer, der als Vorbild und Namensgeber seines Pontifikats dient. Der Papst benannte auch seine Umweltenzyklika Laudato Si’ nach dem Sonnengesang des Heiligen. »Die Ärmste der Armen, das ist die Mutter Erde«, sagt Papst Franziskus.

Der Pontifex, der so menschlich daherkommt, predigt Demut gegenüber der Erde und Bescheidenheit im Leben. Für ihn ist Mitgefühl oberstes Gebot, und er sieht die große Gefahr einer »globalen Gleichgültigkeit« heraufziehen.

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Machtkampf im Vatikan

Doch zugleich ist er auch oberster Bischof der katholischen Kirche, ihr Chef und Hüter all ihrer Regeln und Dogmen. Und als solcher wirkt er manchmal, als wäre er im falschen Film. Es ist in der Dokumentation zu sehen, wie er der Kurie eine harsche Ansprache hält und ihr Erstarrung, Rivalität, eine Anhäufung materieller Güter und viele weitere »Krankheiten« vorhält. Er will »Null Toleranz« gegenüber Priestern und Bischöfen, die Minderjährige missbrauchen. Und er sagt, der Beitrag der Frauen sei »ungeheuer wichtig«.

Doch als Kirchenführer stößt der Papst an Grenzen – seine eigenen und die der Kirche. Die ist durchwoben von Fraktionen und Gruppen, die ganz anders denken als Franziskus. Sie haben nichts dagegen, wenn der Papst als mahnender und tröstender Seelsorger durch die Welt reist und durch seine Reden und Gesten das Image der Kirche aufpoliert. Aber sie wetzen die Messer, wenn der Papst an ihr Eingemachtes geht.

Die Rolle der Frau in der Kirche, Aufklärung von sexuellem Missbrauch, Kommunion auch für die Protestanten in gemischtkonfessionellen Ehen: Bei solchen umstrittenen Themen der Kirche fällt es Franziskus schwer, eine klare Linie zu bewahren: In Chile verteidigt er erst einen Bischof, der in den dortigen Missbrauchsskandal verstrickt ist, dann vollzieht er eine Kehrtwende, entschuldigt sich bei den Opfern und entlässt vor wenigen Tagen drei chilenische Bischöfe.

Im Streit um die Kommunion für Protestanten empfiehlt er erst den deutschen Bischöfen, sie sollen diese Frage unter sich regeln. Dann gibt er den erzkonservativen Rebellen, die die mehrheitlich beschlossene Regelung kippen wollen, überraschend Rückendeckung. Er scheint sich in den Machtkämpfen innerhalb der Kurie zu verheddern.

Zimmermann einer neuen Kirche?

Kann er noch der Zimmermann einer neuen Kirche werden, wie manche hoffen? Das ist offen. Zumindest als Seelsorger der Menschheit, der auch den Mächtigen ins Gewissen reden kann, ist er unersetzlich in dieser Zeit. Und als solchen stellt ihn Wim Wenders vor. Der Regisseur vefolgt dabei auch seine eigene Agenda. Auch er will die Welt ermahnen, sich endlich zu besinnen. Franziskus präsentiert er in seiner weißen Soutane wie eine Lichtgestalt. In den Kirchenkampf mischt sich der Regisseur dagegen nicht ein.

Kommentare
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Gerhard Burs
22.06.201809:10
Ich halte es für möglich, daß die unterlegenen Bischöfe zB
der Erzbischof von Köln in der Kommunionfrage glaubensverschiedener Ehepaare die Finanzierung des Vatikans durch reiche deutsche Diozösen künftig in Frage stellen.
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