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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2018
Hitze-Schock
Wie Landwirte und Verbraucher jetzt umsteuern müssen
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Die Mechanik des Missbrauchs

von Rainer Kaps vom 24.08.2018
Kardinäle vor Gericht und immer neue Missbrauchsskandale: Sexuelle Gewalt gegen Minderjährige ist der schlimmste Ausfluss eines religiösen Machtsystems. Darum braucht es eine strukturelle Reform der katholischen Kirche. Analyse eines ehemaligen Internatsschülers
Ein Papst räumt auf: Franziskus setzt sich für die vielen Kinder ein, die von Priestern missbraucht wurden. Aber reicht das, was er tut? (Zeichnung: Mester)
Ein Papst räumt auf: Franziskus setzt sich für die vielen Kinder ein, die von Priestern missbraucht wurden. Aber reicht das, was er tut? (Zeichnung: Mester)

Von meinem 11. bis 16. Lebensjahr besuchte ich Mitte der 1960er-Jahre Internat und Schule eines Missionsordens in Holland mit dem Wunsch, Missionar zu werden. Die rigide Machtstruktur eines geistlichen Herrschaftssystems, das ich dort erlebte, hat mein Leben geprägt. Ich brauchte über fünf Jahrzehnte, um zu verstehen, was damals wirklich passierte. Heute erkenne ich umso deutlicher die Zusammenhänge zwischen dem religiösen Machtmissbrauch und dem Skandal des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Die sexuelle Gewalt ist der letzte Ausläufer eines geschickt verschleierten Machtsystems, das ich-starke Persönlichkeiten verhindert oder bricht, Herrschaftsstrukturen idealisiert und verschleiert und letztlich den Einzelnen in die Unfreiheit führt beziehungsweise von ihm Unterwerfung und innere Zustimmung zum System einfordert. Diese Struktur, die ich anhand meiner eigenen Lebensgeschichte veranschaulichen möchte, hat sich im Kern nicht verändert und ist heute noch in Gremien und Generalvikariaten anzutreffen.

In katholischen Internaten, so wie sie in den 1960er-Jahren überall verbreitet waren, spielte die Figur des Präfekten eine zentrale Rolle. Er war der Leiter des Internatsbereichs der ersten drei Jahrgänge. Von seinem Wohlwollen schien alles abzuhängen. Für mich war er nach der Trennung von meinen Eltern die wichtigste emotionale Bezugsperson. Seine sparsamen Gesten der Zuwendung, sein unwirsches, oft zorniges Verhalten verstärkten mein Bedürfnis, durch Wohlverhalten Zuneigung zu erhalten. Körperliche Strafen bei kleinen Vergehen und Briefe an die Eltern mit Klagen über die Entwicklung ihres Sohnes waren normal. Eigene Briefe konnten nicht ohne seine Zensur abgeschickt werden. Es gab nur wenige Besuchstage für Elte

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