Der Klerus und seine Verbrechen
Bildet eine Religion ein nach außen hin abgedichtetes, geschlossenes System mit Oben und Unten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis übelste Verbrechen geschehen. Das göttlich verbrämte und dogmatisch festgezurrte Machtgefälle lädt die Machthabenden zu Untaten geradezu ein. In diesem Falle – wieder einmal – in der römisch-katholischen Kirche.
Es geschah, als die Geistlichen noch weiße Priesterkragen trugen und mit »Hochwürden« angesprochen wurden – vor allen in den 1950er bis 1980er Jahren, aber auch darüber hinaus. In der minderheitlichen katholischen US-Kirche, die sich in ihrem relativ muffigen Milieu eingebunkert hatte. Oben stand der ehelose Klerus. Die Priester waren ziemlich allmächtig, denn sie hörten die Beichte, kannten die Sünden ihrer »Pfarrkinder« und sie verwalteten die Sakramente. Ihr schwarz gewandeter Block stand somit zwischen den einfachen Katholiken und dem Himmel. Konnten solche Priester Verbrecher sein?
Goldene Kreuze für gefügige Kinder
Sie konnten. Über dreihundert Priester im Bundesstaat Pennsylvania vergewaltigten im Laufe der sieben Berichtsjahrzehnte über 1000 Mädchen und Jungen. Es gab viele abscheuliche Vorgänge wie zum Beispiel einen Täter-Kreis, der Kinder zwecks Missbrauch diskret weiterschickte. Ein Junge wurde nackt gekreuzigt, anderen, – Kindern, die gefügig waren, – hingen pädophile Priester zum Lob goldene Kreuze um den Hals. Wenn gequälte Kinder zuhause klagten, glaubten ihnen die Eltern oft nicht – denn zu »heilig« war der Priester. Die Bischöfe schauten in fast allen Fällen weg. Diese Versager im Amt deckten viele scheußliche Verbrechen. Wenn es nicht zu umgehen war, wurden Täter-Geistliche einem Kurs unterzogen und dann versetzt. Denn auf das Ansehen der Kirche sollte kein Schatten fallen.
All dies hat Pennsylvanias Generalstaatsanwalt Josh Shapiro aufgedeckt und mit einer Grand Jury von Geschworenen in langwieriger Arbeit mit Zeugenbefragungen und dem Studium von Kirchenakten nun in einem 1300-Seiten-Bericht veröffentlicht. Als Shapiro die bisherigen Ermittlungsergebnisse vorstellte, sprach er von einer »jahrzehntelangen Vertuschung« durch ranghohe Kirchenobere in Pennsylvania und im Vatikan. Es habe ein regelrechtes Drehbuch zur Verheimlichung der Untaten gegeben. Straffällig gewordene Priester seien in andere Gemeinden versetzt worden. Bis auf zwei Täter seien sämtliche Taten rechtlich verjährt – ein »Erfolg« der Bischöfe. Denn sie hatten erfolgreich als Lobby gegen eine Verlängerung der Verjährungsfristen im Bundesstaat Pennsylvania agiert. Die Dunkelziffer an Verbrechen sei vermutlich hoch. Shapiro sprach vom umfassendsten Bericht zu Kindesmissbrauch innerhalb der Kirche, der je in den USA veröffentlicht worden sei.
Die meisten Opfer waren der Untersuchung zufolge Jungen. Die Täter hätten Alkohol und Pornografie eingesetzt. Kinder seien begrapscht oder vergewaltigt worden. Laut Bericht wurden Mädchen in manchen Fällen nach einer Vergewaltigung schwanger. Ein Priester habe deshalb eine Abtreibung organisiert. Zugleich jedoch – ein Lichtblick – betont der Bericht, dass sich in den vergangenen 15 Jahren in der Kirche der USA viel verändert habe. Die untersuchten Diözesen in Pennsylvania hätten bei der Erarbeitung des Berichts geholfen.
Die Dunkelziffer: vermutlich hoch
Horror-Tatbestände dieser Art warten – so ist bedauerlicherweise zu vermuten – noch viele auf die Veröffentlichung. Aus afrikanischen Ländern, wo die katholische Kirche geschlossene Systeme bildet und es kaum eine gesellschaftliche Debatte über sexuellen Missbrauch von Abhängigen gibt. Oder aus Ländern im ehemaligen kommunistischen Ostblock wie Polen, wo die früher bedrängte Kirche ebenfalls geschlossene Milieus bildete und es für Opfer von pädophilen Priestern folglich praktisch keinen Weg gab, ihr Leid zu äußern und den Täter anzuklagen.
Die Verbrechen vor Ort finden ihre Fortsetzung im Vatikan: Soeben kam ans Licht, wie der unter dem polnischen Papst mächtige Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano immer wieder mittels diplomatischem Druck versuchte, mit fremden Staats- und Regierungschefs fest zu vereinbaren, dass Missbrauchstaten des Klerus nicht entschädigt werden müssen (etwa in der Republik Irland) und dass katholische Archive über die Täter und ihre Verbrechen nicht geöffnet werden dürften.
Franziskus und seine Missbrauchs-Kardinäle
Der nach wie vor kommunikationsstarke Papst Franziskus verkündigt indes in Rom unverdrossen seinen »Zero-Toleranz-Kurs«. Diese Nulltoleranz erzielt da und dort Wirkung, etwa beim US-Kardinal Theodore McCarrick, dem früheren Erzbischof von Washington. McCarrick wurde soeben im Juli als erster Purpurträger wegen seiner Missbrauchstaten von Papst Franziskus aus seinem Amt entfernt.
Ansonsten scheint Papst Franziskus von ziemlich vielen guten Geistern verlassen zu sein. Das schmälert seine Glaubwürdigkeit. Denn in seinem K9-Rat, dem von ihm handverlesenen Kabinett, das die Kurie reformieren soll, stehen zwei Kardinäle wegen direkter oder mittelbarer Verwicklung in sexuelle Verbrechen am Pranger: Der von Franziskus zum Finanzchef im Vatikan berufene George Pell ist in Australien angeklagt. Ein weiterer Kurienkardinal und Papstberater, der chilenische Kardinal Francisco Errazuriz, sorgte dafür, dass Franziskus bei seinem Chile-Besuch zu Anfang des Jahres zunächst für die klerikalen Verbrecher eintrat und gegen die Opfer polemisierte – bis er sich von seinem Sonderermittler, dem maltesischen Erzbischof Charles Scicluna, nach einer genauen Untersuchung vor Ort eines besseren belehren ließ. Außerdem gerät US-Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington, in den Verdacht, sexuelle Verbrechen mitvertuscht zu haben. Der prominente Franziskus-Freund Wuerl leitete von 1988 bis 2006 das Erzbistum Pittsburg, einen Missbrauchs-Schwerpunkt in Pennsylvania.
Kann man,ja will man in solch einer Kirche, deren Klerus tief in sexuelle Verbrechen verstrickt war und ist, bleiben? Das muss jede Katholikin und jeder Katholik für sich selbst entscheiden.
