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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2012
Die Zeit des Gehorsams läuft ab
Nach dem Katholikentag
Der Inhalt:

Amnons Verbrechen

von Peter Otten vom 05.06.2012
Bis heute wird die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche theologisch nicht aufgearbeitet – auch nicht auf dem offiziellen Katholikentag

Dann kommt sie doch, die Frage aus dem Publikum. Gelte das Bibelwort »Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein?« nicht auch für Missbrauchstäter? Die Frage spiegelt ein wenig die Stimmung gegenüber einem Thema, das sperrig und fremd geblieben und der katholischen Laienschar womöglich auch ein bisschen lästig ist. Dafür ist auch die Zahl der Teilnehmer beim Hauptpodium zu den Missbrauchsverbrechen in der katholischen Kirche ein Indiz. Gerade mal zu einem Viertel gefüllt ist der größte Saal im Mannheimer Kongresszentrum. Für viele ist das Thema durch.

Es gehe um Verantwortung, sagt Matthias Katsch, Sprecher der Opferinitiative Eckiger Tisch, immer und immer wieder bei diesem Katholikentag. Und klar sei, dass die nun mal ein Leben lang andauere. Katsch spricht von einem »lebenslangen Gefühl der Überwältigung« – und man ahnt, was er damit meint: Wenn die Täterinstitution keine unabhängige Untersuchung der Vorkommnisse unterstützt, um endlich zu belastbaren Opfer- und Täterzahlen zu kommen, und das Verfahren von Vergebung und Entschädigung auch noch selbst bestimmt, werden die Betroffenen wieder und wieder überhört und übergangen.

Nichts davon ist also durch oder erledigt. Es wird aber auch in Mannheim leider nicht diskutiert. 5000 Euro bekomme doch jedes Missbrauchsopfer. Und Stefan Kiechle, Provinzial der deutschen Jesuiten, beeilt sich zu versichern, diese Summe tue seinem Orden »richtig weh«. Wer will angesichts solcher Schmerzen noch an Steine denken?

Auf dem Katholikentag bekommt man den Eindruck: Die Kirche hat das Thema noch immer nicht verstanden. Jutta Lehnert, Geistliche Leiterin der Katholischen Studierenden Jugend im Bistum Trier, berichtet auf einem Podium im Alternativen Zentrum in der evangelischen Johanniskirche von einem Gespräch mit dem Generalvikar ihres Bistums. Er verstehe nicht, worin der Unterschied bestehe, wenn ein Priester ein Kind missbrauche oder ein Vater oder Onkel sich an einem Kind vergehe. Ein Kind, habe sie geantwortet, habe immer noch eine »religiöse Mitte, einen unverletzlichen Kern«, in den es sich jederzeit retten könne. Wenn aber einer mit priesterlich-spiritueller Autorität übergriffig werde, »dann wird der Kern zerstört – das ist der Unterschied«. Genau darum gehe es: Die religiöse Ebene dessen, was bei Missbrauch und Übergriffigkeit gesch

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