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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2020
Arbeiten und Leben nach Corona
Was wir aus der Krise lernen können
Der Inhalt:

Koloniale Spuren

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 24.05.2020
Dieses Jahr feiern 17 afrikanische Staaten sechzig Jahre Unabhängigkeit. Doch wie unabhängig sind sie wirklich? Auftakt zur Publik-Forum-Reihe »Das koloniale Erbe«
Ausbeutung im Jahr 2020: Noch immer schuften Afrikaner für europäische Interessen, wie dieser Junge auf einer Kakaoplantage von Côte d’Ivoire.(Foto: Laif/Rosenthal)
Ausbeutung im Jahr 2020: Noch immer schuften Afrikaner für europäische Interessen, wie dieser Junge auf einer Kakaoplantage von Côte d’Ivoire.(Foto: Laif/Rosenthal)

Er gilt als heilig, der Gürtel des Stammesführers Kahimemua Nguvauva. 1896 wurde der Mann in der damaligen Kolonie Südwestafrika von Deutschen hingerichtet. Sein Gürtel verschwand spurlos. Seine Nachfahren suchen ihn bis heute. »Wenn wir ihn zurückbekämen, könnte es die Würde in unserer Community wiederherstellen«, sagt Freddy Nguvauva, ein Ururenkel des Nationalhelden. Er glaubt, dass die Deutschen den Gürtel mitgenommen haben aus dem Land, das heute Namibia heißt. Dort lebt auch Gustavine Katjari. Sie gehört dem Volk der Herero an, aber ihre Haut ist heller als die der anderen. »Meine Großmutter wurde damals von einem deutschen Soldaten vergewaltigt. Diese Schande konnte ich nie verstecken: Deutsches Blut fließt in meinen Adern«, sagt sie.

Die Erzählungen von Nguvauva und Katjari sind Geschichten, die von einer Generation zur anderen weitergegeben werden. Geschichten, die wir Europäer nicht kennen, obwohl unsere Vorfahren eine Rolle darin spielen. Es gibt unzählige dieser Art. Und sie leben weiter, endeten nicht im »Afrikanischen Jahr« 1960, in dessen Verlauf 17 afrikanische Staaten die Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten erlangten, denn der politische, wirtschaftliche und auch kulturelle Einfluss Europas in Afrika blieb. Kolonialismus ist kein abgeschlossenes Kapitel. Mit Westsahara gibt es bis heute eine Kolonie in Afrika, auch wenn die Kolonialherren nun nicht mehr Spanier sind, sondern Marokkaner.

Koloniale Strukturen setzen sich fort in Politik und Wirtschaft (siehe nächste Seite), aber auch in Theologie und Tourismus, Wissenschaft, Bildung und vor allem: in unseren Köpfen. Die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – etwa, ganz Afrika pauschal als »Arm

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