Leipziger Buchpreis
Leipziger Buchpreis: Ein Mann erzählt in Rom um sein Leben

Roman. Zu Anfang nervt er: Eli, ein alternder Filmregisseur, liegt in Rom auf der Couch seiner Therapeutin und erzählt. Viel. Und nicht unbedingt verlässlich. Ein eitler Mann, ein schlechter Vater, der seine Vergangenheit in Anekdoten und Legenden arrangiert. Doch die Autorin Katerina Poladjan hat ein raffiniertes Spiel angelegt. Denn allmählich wächst die Empathie: Dieser Mann erzählt um sein Leben. Eli, vaterlos aufgewachsen, angeblich gezeugt am bulgarischen Goldstrand, weiß nicht, wer er ist – also setzt er Bruchstücke zusammen und füllt die Lücken. Seine Familiengeschichten führen von Odessa im Jahr 1922 über Istanbul und Bulgarien bis ins heutige Rom und nach Deutschland. Auf kaum 160 Seiten entsteht ein Mosaik des europäischen 20. Jahrhunderts, zusammengesetzt aus Erinnerung und Fantasie, Utopie und Entzauberung.
Mit »Goldstrand« hat Katerina Poladjan den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewonnen. Sie verzichtet auf dramatische Zuspitzungen, die Sprache ist knapp, aber atmosphärisch, Szenen erscheinen wie Splitter. Nicht nur Elis Erzählen wird als unzuverlässig spürbar, sondern das Erzählen an sich. Das erinnert an Dorothee Elmigers »Die Holländerinnen«, im Herbst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Doch »Goldstrand« bleibt ein klassisch erzählter Roman, der trotz vieler kulturgeschichtlicher Anspielungen gut zu lesen ist. Am Ende versteht man Elis Geschichte vielleicht nicht vollständig. Aber man versteht, warum er erzählt. »Wir erzählen Geschichten, um zu leben«, ist ein berühmter Satz der Schriftstellerin Joan Didion. Poladjans Roman zeigt, wie existenziell er gemeint war: als psychisch notwendiger Versuch, eine chaotische Wirklichkeit zu ordnen und sich selbst darin irgendwie zusammenzusetzen. Und das ist wirklich rührend.
Katerina Poladjan: Goldstrand. S. Fischer.
160 Seiten. 22 €




