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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2019
Wahrheit
Auf der Suche nach einem Ideal
Der Inhalt:

Mein Traum von Europa

Die Briten pfeifen auf Europa. Ungarns Regierungschef probt die Trennung von der Europäischen Volkspartei. Frankreichs Staatspräsident wirbt vergeblich um mehr statt immer weniger europäischen Geist. Im Mai wird das EU-Parlament gewählt. Und was dann? Wie Europa sein könnte, wenn wir mutig wären. Elisa Rheinheimer-Chabbi reist ins Jahr 2050
»Europa hat das Gesicht von Ömer aus der Türkei, es ist die Umarmung von Marta aus Polen und das Lachen von Luis aus Spanien«: So sieht es aus im Traum von Elisa Rheinheimer-Chabbi (rechts). (Fotos: PHOTOMORPHIC PTE. LTD./ 123rf.com; privat)
»Europa hat das Gesicht von Ömer aus der Türkei, es ist die Umarmung von Marta aus Polen und das Lachen von Luis aus Spanien«: So sieht es aus im Traum von Elisa Rheinheimer-Chabbi (rechts). (Fotos: PHOTOMORPHIC PTE. LTD./ 123rf.com; privat)

Als Politik-Redakteurin bin ich gewohnt, über das zu berichten, was ist. Zukunftsmusik gehört selten dazu. Und so kostete es mich zunächst Überwindung, die Wirklichkeit für einen Moment lang Wirklichkeit sein zu lassen – und zu träumen. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Wer will schon als naiv und realitätsfern gelten? Angesichts der derzeitigen Entwicklungen ist es ja nicht ausgeschlossen, dass Europa in einigen Jahrzehnten wieder in blutigen Kriegen versinkt. Aber was, wenn nicht? Wenn alles ganz anders wird?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 06/2019 vom 22.03.2019, Seite 16
Wahrheit
Wahrheit
Auf der Suche nach einem Ideal

Beamen wir uns mal ins Jahr 2050. Mein Traum, wie die EU dann aussieht: Die Europäische Republik wird ausgerufen. Das Europäische Parlament ist Gesetzgeber, die Kommission die Regierung Europas, und die Regionen der einzelnen Mitgliedsländer spielen eine größere Rolle als die Nationen. Die Ministerin für Nachbarschaftspolitik ist eine Europäerin mit syrischen Wurzeln, die 2015 eingewandert ist.

Es ist eine europäische Öffentlichkeit entstanden: Was wir abends im Heute-Journal erfahren, sehen zeitgleich auch die Bürger in Schweden, Spanien und der Slowakei. Schlagzeilen machte jüngst die Meldung, dass Europas Politikerinnen beschlossen haben, das Budget des Europäischen Friedensinstituts signifikant zu erhöhen. Seine Stärkung hat Vorrang vor den noch immer diskutierten Plänen einer Europäischen Armee. Die Europa-Abgeordneten haben Waffenexporte ins außereuropäische Ausland untersagt. Stattdessen werden Fachkräfte des Friedensdienstes, für nachhaltige Stadtplanung und Solarenergie entsandt.

Die kürzlich gewählte US-Präsidentin Malia Obama wird in Brüssel erwartet, um mit dem europäischen Wirtschaftsministerium über faire Handelsbeziehungen mit afrikanischen Staaten zu sprechen.

An den Küsten Italiens, Maltas und Griechenlands gibt es Gedenkstätten für die zu Tausenden ertrunkenen Flüchtlinge.

Gerade wird der nächste Europäische Kirchentag vorbereitet. Zu Gast wird die Premierministerin eines unabhängigen Palästinas sein und ihr israelischer Kollege. Die Kirchen Europas haben eine wichtige Rolle bei der Lösung des Nahostkonflikts gespielt.

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Ein europaweiter Mindestlohn und eine europäische Sozialversicherung sind eingeführt. In den großen Städten sieht man überall Fahrrad-Autobahnen, was der schwedischen Ministerpräsidentin Greta Thunberg zu verdanken ist. Austauschprojekte in Europa sind fester Bestandteil im Berufsleben der Menschen – nicht nur für Akademiker, sondern auch für Handwerker, Reinigungskräfte und Altenpfleger. Jeder Bürger und jede Bürgerin Europas, die nach 2025 geboren wurde, erhält zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrail-Ticket für Europa, auf dass sie andere Europäer kennenlernen. Die EU ist zu einer Gemeinschaft geworden, auf die die Menschen stolz sind.

In London wird ein Referendum vorbereitet zum Beitritt des Vereinigten Königreichs zur Europäischen Republik.

Jean Monnet, einer der Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft, sagte einmal sinngemäß, Europa bedeute nicht, Staaten zu integrieren, sondern Menschen zu einen. Das ist im Jahr 2050 Wirklichkeit geworden.

– Ich muss sagen, das Träumen macht Spaß. Es erinnert mich an meine Zeit in der Studentenorganisation AEGEE, in der ich solche Träume gemeinsam mit jungen Leuten aus ganz Europa träumte. Oft war es nur eine Woche, die wir zusammen verbrachten und die doch so viel veränderte. Wenn wir uns zum Abschied in den Armen lagen, war Europa uns allen plötzlich näher. Europa, das war Lina aus Slowenien, Niels aus den Niederlanden, Simonetta aus Ungarn. Europa hatte das Gesicht von Ömer aus der Türkei, es war die Umarmung von Marta aus Polen und das Lachen von Luis aus Spanien. Aus Fremden waren Freunde geworden. Und wir waren beflügelt von etwas, das wir den AEGEE-Spirit nannten. Es war der Geist der Gemeinsamkeit, das prickelnde Gefühl, dass man zusammen viel erreichen kann.

Ich wünsche mir, dass dieser Geist immer mehr Menschen erfasst. Und wenn ich mir die vielen pro-europäischen Bewegungen so anschaue, die jüngst entstanden sind, glaube ich fast, das geschieht schon. Die jungen Europäerinnen und Europäer, die dort aktiv sind, haben sich zu eigen gemacht, was Richard Coudenhove-Kalergi einst formulierte, der Mann, der noch vor dem Zweiten Weltkrieg für die Einigung Europas eintrat. Er sagte: »Jedes große historische Geschehen begann als Utopie und endete als Realität.«

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Stefan Kuster
26.03.201909:34
Europa 2050: „In den großen Städten sieht man überall Fahrrad-Autobahnen, was der schwedischen Ministerpräsidentin Greta Thunberg zu verdanken ist.“
Utopie? Vision? Jedenfalls ein sehr erstrebenswerter Traum von Europa. Chapeau!