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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2019
Wahrheit
Auf der Suche nach einem Ideal
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Es war die Hölle«

von Wolf Südbeck-Baur vom 22.03.2019
Dallio Mamadou Aliou (19) aus Guinea geriet in die Hände libyscher Menschenhändler. Doch dann schaffte er es nach Brandenburg

Als ich die Zusage erhielt, dass ich eine Ausbildung bei einer Metallbautechnik-Firma machen kann, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Vier Monate ist das jetzt her. Leute aus der Flüchtlingshilfe hatten mir zuvor geholfen, dass mein Bewerbungsschreiben in gutem Deutsch formuliert und mit allen nötigen Papieren versehen ist. Sie haben mich toll unterstützt, sodass ich jetzt diese Lehre hier in Eberswalde, einer Stadt fünfzig Kilometer nordöstlich von Berlin, machen kann. Mein Weg bis hierhin war sehr lang und steinig.

Ich bin in Guinea geboren. Für die Schule reichte meiner alleinerziehenden Mutter das Geld nicht. Aber ich konnte eine Metallbau-Lehre in Nzérékoré, der zweitgrößten Stadt Guineas, machen. Die kostete nämlich nichts. Auf der Suche nach einer besseren beruflichen Perspektive verließ ich 2016 mein Zuhause mit dem Ziel Deutschland.

Mit kaum Geld in der Tasche landete ich nach Zwischenstationen in Algerien und etlichen Fußmärschen durch die Wüste in den Fängen von libyschen Menschenhändlern. Sie behandelten mich und viele andere Geflohene wie Leibeigene. Auf Baustellen musste ich schwere Steine und anderes Baumaterial über schmale Leitern in die oberen Etagen schleppen. Es war die Hölle. Wir wurden geschlagen. Ich hatte ständig Angst, die Schergen könnten mich zum Krüppel knüppeln. Willkürlich und ohne Grund. Sie brachten uns in einem schwer bewachten Privatgefängnis unter. Wer kein Geld hatte, wurde zur Arbeit gezwungen, damit er seine »Unterkunft« und später die Weiterfahrt mit dem Boot über das Mittelmeer bezahlen konnte.

Sehr schlimm waren auch die viel zu kleinen Räume. Wenn du nachts zur Toilette musst, kannst du nicht raus. Fürs Pinkeln gab es nur eine große Flasche für alle. Die übel stinkende Luft war kaum zum Aushalten. Zu essen gaben sie uns pro Tag nicht mehr als ein trockenes Brötchen. Wie Heuschrecken kamen die Privatpolizisten bewaffnet in die Unterkünfte und nahmen alles mit, was sich zu Geld machen lässt. Besonders schlimm dran waren die, die an Beinen, Füßen oder Armen verletzt waren und kaum mehr laufen konnten. Die libyschen Aufseher machen sie kaputt. Sie richten sie derart zu, dass sie weder nach Hause zurück noch weiter nach Europa fliehen können. Und wer versucht wegzulaufen, auf den schießen die Schergen. Viele Geflohene halten das nicht aus. Jeden Tag gibt es Tote – Frauen, Männer, Kinder – jeden Tag, jeden Tag. Was da passier

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