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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2020
Berühre mich!Aber fass mich nicht an
Leben, lachen, glauben in Corona-Zeiten
Der Inhalt:

»Das ist unmenschlich«

von Geneviève Hesse vom 25.03.2020
Sozialprotokoll: Wegen der Corona-Maßnahmen darf Heidrun Melcher (73) ihren sterbenden Lebenspartner im Krankenhaus nicht besuchen. Die Intensivstation ist für Besucher gesperrt. Sie fühlt sich wütend und ohnmächtig
Keine Besucher: Mit diesem Schild informiert ein Krankenhaus in Brandenburg, dass Angehörige die Stationen nicht betreten dürfen. (Foto: pa/Stache)
Keine Besucher: Mit diesem Schild informiert ein Krankenhaus in Brandenburg, dass Angehörige die Stationen nicht betreten dürfen. (Foto: pa/Stache)

Heute bin ich wieder vergebens ins Krankenhaus gegangen. Zum dritten Mal. Wieder durfte ich nicht zu meinem Partner Matthias. Er liegt im künstlichen Koma auf der Intensivstation – und vermutlich wird er sterben. Als ich enttäuscht die Klinik verließ, habe ich mich erst einmal eine Weile auf eine Bank im Hof gesetzt und zu dem Fenster hochgeschaut, hinter dem er liegt. In der Scheibe des Fensters spiegelt sich ein dicker Baumstamm. Das passt zu Matthias. Er ist ein imposanter, stattlicher Mann. Die Spiegelung des Baumstamms im Fenster hat mich ein wenig getröstet.

Matthias und ich haben uns vor knapp zehn Jahren bei einer Mittagssuppe in einem Café in unserem Kiez hier in Berlin kennengelernt. Wir waren beide verwitwet. Im Juli wollte er seinen 80. Geburtstag feiern.

Dass ich nicht zu ihm darf, finde ich unmenschlich. Auch in Zeiten von Corona brauchen Sterbende ihre Angehörigen am Bett. Manche wollen vielleicht auch den Beistand durch einen Priester. Für meine Mutter zum Beispiel war die letzte Ölung sehr wichtig. Und mich macht es krank, nicht zu wissen, wie Matthias’ Zustand gerade ist. Jemand muss doch zu ihm hin, mit ihm sprechen, ihn streicheln.

Aus meinem Beruf als Therapeutin weiß ich, wie wichtig die Stimme und das Zuhören sind, gerade in dieser sensiblen Übergangsphase vom Leben in den Tod. In der Woche, als Matthias am Herzen operiert wurde, gab es noch keine Corona-Sperre. Als er aus dem OP kam, war ich drei Stunden lang bei ihm und habe ständig mit ihm gesprochen. Ich habe versucht, mich mit Matthias’ Seele zu verbinden, indem ich ihn gefragt habe, in welcher Welt er gerade schwebt. Ich habe versucht, mich in seine Bilderwelt zu versetzen, habe dabei seine Hand geh

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