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Alles Gute, Wolfgang Kessler!

von Markus Dobstadt 20.05.2019
Mit einer bewegenden Matinée hat Publik-Forum Chefredakteur Wolfgang Kessler in seinen (Un-)Ruhestand verabschiedet. Wie es zu ihm passt, verabschiedete er sich mit einer großen Frage, die am Sonntag im Frankfurter Dominikanerkloster kontrovers diskutiert wurde: Was machen wir bloß mit diesem Kapitalismus?
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Wolfgang Kessler war zwanzig Jahre Chefredakteur von Publik-Forum: Am Sonntag, 19. Mai 2019, wurde er in Frankfurt mit einer großen Matinée verabschiedet. 400 Gäste würdigten den alternativen Ökonomen und Publizisten. (Foto: Ute Victor)
Wolfgang Kessler war zwanzig Jahre Chefredakteur von Publik-Forum: Am Sonntag, 19. Mai 2019, wurde er in Frankfurt mit einer großen Matinée verabschiedet. 400 Gäste würdigten den alternativen Ökonomen und Publizisten. (Foto: Ute Victor)
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Zwanzig Jahre hat Wolfgang Kessler die Redaktion geleitet. »Du warst unser Kapitän«, sagte Redakteurin Britta Baas, und verglich Publik-Forum mit einem kleinen Schnellboot: »Wir haben nicht die Wucht eines Tankers, nicht die majestätische Ausstrahlung einer Hochseejacht. Aber wir können mit Ad-hoc-Beschleunigung, Wendigkeit und einer Mannschaft punkten, die jederzeit bereit ist, von null auf hundert zu gehen.« Die Vision von einer menschenwürdigen, gerechten Welt, die Publik-Forum seit seiner Gründung vor 47 Jahren nicht aus den Augen verloren hat und mit konstruktivem Journalismus kritisch und fragend begleitet, war auch immer Kesslers Vision. »Zusammen mit dir hatten wir ein Ziel vor Augen«, sagte Britta Baas. »Eines, das uns überzeugte.« Dass das auch in Zukunft so sein werde, betonte Kesslers Nachfolger als Chefredakteur, Alexander Schwabe, in seiner Ansprache.

Davon angesteckt sind auch die Publik-Forum-Leserinnen und Leser. Mehr als 400 von ihnen waren nach Frankfurt am Main zur Matinée gekommen. Agnes Frei, Vorsitzende der Leserinitiative Publik-Forum, sagte gleich am Anfang: Die Matinée sei auch ein »Fest für die Leser«. Und das wurde es tatsächlich. Die Besucher wurden gut unterhalten, musikalisch durch das Duo Camillo, aber auch durch anspruchsvolle Reden und Debatten.

»Ist Kessler ein antikapitalistischer Umstürzler?«

Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, hatte die Aufgabe übernommen, den Abschied von Wolfgang Kessler und das Thema »Zukunft des Kapitalismus« in seiner Rede miteinander zu verbinden. »Ist Kessler ein antikapitalistischer Umstürzler?«, fragte er provokant. Für den Chefredakteur von Publik-Forum habe gegolten, eine schwierige Balance zu halten, nämlich das Medienhaus zusammen mit Geschäftsführer Richard Bähr durch Zeiten zu steuern, die vom Niedergang vieler Medien geprägt ist, in denen »die Kommunikationswelt in immer kleinere Zielgruppen« zerfällt und in der »triebhaft um Aufmerksamkeit gekämpft wird« – und gleichzeitig unabhängigen Profiljournalismus zu realisieren. Publik-Forum behaupte sich, obwohl oder weil es sich dem Trend zu Dauerinszenierung der Wirklichkeit verschließe.

Dabei sei es Kessler gelungen, die komplizierten Wirtschaftsthemen, die kaum ein Laie wirklich versteht, verständlich ins Blatt zu bringen und Zusammenhänge herzustellen. Kessler habe früh vor den Risiken deregulierter Finanzmärkte gewarnt, »gegen den Mainstream« geschrieben und belegt, »wie einfach gute Lösungen sein können«. Ist er also ein Umstürzler? »Er klingt oft so harmlos«, sagte Storz, »aber er greift die Wirtschaft in ihren Grundfesten an. Er kann es nicht ertragen, wie sich unser Wohlstand im Ruin der Natur und im Hunger des Südens spiegelt.« Kesslers Haltung gründe auf der christlichen Soziallehre. Seine Art des kapitalistischen Umsturzes sei behutsam, überlegt, und am Ende würde sich »der härteste Kapitalist in seiner antikapitalistischen Umgebung wie zu Hause fühlen«, mutmaßte er.

Doch wie könnte eine Zukunft jenseits des Kapitalismus aussehen? Darauf gab Kessler selbst eine Antwort. Dabei sagte er unumwunden, dass der Kapitalismus »große Qualitäten« habe und Wohlstand schaffe. »Doch die tatsächlichen Kosten« dieses Kapitalismus stiegen ständig. Denn vom Wohlstand profitierten nicht alle. Ein Viertel der Deutschen sei davon »abgehängt«, die reichsten zehn Prozent besäßen hierzulande 65 Prozent des Vermögens. Befristete Verträge, Minijobs. Leiharbeit weiteten sich aus. Der Kapitalismus entwurzele Menschen, fördere Fremdbestimmung und sei für Populismus verantwortlich. Weltweit hätten unkontrollierte, global tätige Investoren wie Blackrock riesige Finanzmittel zur Verfügung und säßen auch in allen Dax-Konzernen. Zusammen mit Datenkonzernen wie Apple, Facebook, Google und Amazon »beherrschen sie die Welt«. In vielen Bereichen kauften sich die Investoren ein, doch »Mieter, Kranke, Pflegebedürftige sind für sie nur Renditeobjekte«, deren Interessen, Umweltschutz oder die Rechte der Arbeitnehmer seien für sie zweitrangig.

»Wie im Westen so auf Erden«

Und diese Entwicklung sei inzwischen global: »Wie im Westen so auf Erden«, meinte Kessler. Denn der westliche Lebensstil breitet sich weltweit aus. Inzwischen gerate der nur auf Wachstum ausgerichtete Kapitalismus aber an die »härteste Grenze, die es gibt«: die Natur. Das zeigten Klimawandel und Artensterben. »Wir erleben, wie dieser Kapitalismus schleichend die Welt zerstört«, sagte Kessler und zitierte Papst Franziskus: »Diese Wirtschaft tötet.« Doch Wolfgang Kessler wäre nicht er selbst, wenn er nicht zugleich Ideen hätte, wie dem zu begegnen ist. Sie werden ausführlich in der kommenden Ausgabe von Publik-Forum nachzulesen sein, die am 24. Mai erscheint. Noch weitaus detaillierter hat er sie in seinem neuen Buch »Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern«, dargelegt.

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Wolfgang Kessler: Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern

»Sagenhaft aufrüttelnd«. Friedhelm Hengsbach SJ. »Ein Buch für alle, die in diesem Land etwas verändern wollen.« Stephan Hebel ... /mehr

In der Matinée standen aber nicht nur Kesslers Ideen zur Diskussion. In einer Podiumsdebatte traf Wolfgang Kessler auf den Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge, die attac-Mitbegründerin Jutta Sundermann und den aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Theologen Boniface Mabanza.

Eine Wirtschaftsweise, die den Profit vor die Natur und den Menschen stellt, »gehört abgeschafft«, forderte Mabanza. Doch wie kann das geschehen? Vielleicht, indem Menschen »Räume finden«, um sich zu vernetzen und persönliche Überzeugungen in Politik zu übersetzen? So schlägt es Mabanza vor. Aktivistin Jutta Sundermann, die die Fridays-for-Future-Bewegung berät, erzählte vom Enthusiasmus der für mehr Klimaschutz demonstrierenden Schüler, die in 500 deutschen Städten aktiv seien. »Es gibt Momente, in denen wir die Chance haben, etwas zu verändern«, sagte sie. Jetzt könnte ein solcher Moment gekommen sein. Auch sie meinte: »Wir müssen raus aus der Logik des Kapitalismus, die sitzt tief in uns drin.« Sie nannte als Beispiel für eine alternative Wirtschaftsweise die Solidarische Landwirtschaft, in der sich Bürger zusammentun und Landwirten die Abnahme der Ernte garantieren. Aber auch sie berichtete, die Konzentration in der herkömmlichen Landwirtschaft wachse rasant: 5000 Höfe würden jedes Jahr aufgegeben.

Christoph Butterwegge, Armutsforscher und ehemaliger Kandidat der Linken bei der Wahl zum Bundespräsidenten, wandte ein, dass persönliches Engagement gut sei, es aber darauf ankomme, strukturell den Kapitalismus auf staatlicher Ebene zu verändern. »Mit kleinen Veränderungen kann man den Kapitalismus nie besiegen.« Es komme darauf an, auf politischer Ebene nach Bündnispartnern zu suchen. Aber er empfiehlt auch Gespräche mit Nachbarn, sich zu informieren, Mitarbeit in Genossenschaften: »Es gibt unzählige Möglichkeiten«, sich zu engagieren. Letztlich müsse sich alles aber auf einer politischen Ebene bündeln. »Ich glaube nicht, dass der Einzelne, indem er Ökoprodukte kauft und Ökostrom bestellt, den Kapitalismus überwinden kann.« Auch ein ökologischerer, humanerer und sozialerer Kapitalismus wäre schon ein Fortschritt.

Ahoi, Kapitän!

Brauchen wir angesichts der Ängste vor sozialem Abstieg eine Sicherung wie das Grundeinkommen? Und in welcher Form? Brauchen wir Steuern auf Kohlendioxid und Luxusgüter? Die Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus und nach Möglichkeiten, ihn zumindest in Teilen zu verändern, war in der Debatte vielfältig. Und allen war klar: Einfach ist das nicht. »Wir haben einen langen Weg«, sagte Boniface Mabanza. Und schließlich: eine Garantie, dass Engagement etwas grundlegend verändert, gibt es nicht. Trotzdem sei es sinnvoll: »Ich möchte in den Spiegel schauen können und einen aufrechten Menschen sehen, auch wenn der Erfolg nicht gleich eintritt«, sagte Wolfgang Kessler. Aber, zitierte die Moderatorin der Debatte, Redakteurin Elisa Rheinheimer-Chabbi, ihren bisherigen Chef: Man müsse als »engagierter und aktiver Mensch nicht immer zu hundert Prozent konsequent sein. Man sollte auch mal ein Eis essen gehen und das Leben genießen.«

Der Genuss gehörte mit gutem Essen und vielen Gesprächen zur Matinée. Ebenso wie ein Abschiedslied für Wolfgang Kessler, das Sänger Fabian Vogt vom Duo Camillo nach Zurufen aus dem Publikum spontan dichtete und im Reggae-Rhythmus vortrug: »Ahoi, Kapitän Kessler! Alles Gute für die Zukunft!«

Kommentare
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Monika Längle
26.05.201913:55
Sehr geehrter Herr Dr. Kessler,
ich habe mir immer gewünscht, Sie in der großen Politik zu sehen. Könnten Sie nicht für Europa zum Ermahner und Berater werden?
Danke für Ihre Stimme als "Rufer in der Wüste".
Ich wünsche Ihnen viele große und kleine Freuden im Ruhestand und alles Gute für Ihre Gesundheit.
Herzlichst
Monika Längle
Hannelore Battenberg
23.05.201916:28
Sehr geehrter, lieber Herr Kessler,
auch Ihre neueste Publikation habe ich mir sofort bestellt. Die Entwicklungen nicht nur in unserem Land, sondern in der ganzen Welt zeigen, wie wichtig es ist, immer an diesem Thema "Kapitalismus verändern" dranzubleiben, auch wenn ich hin und wieder nah am Resignieren bin. Aber PUBLIK FORUM und sein Leserkreis wirken dann immer wieder aufbauend. Ihre guten Gedanken werden mir fehlen. Ich wünsche Freude im Ruhestand und Gottes Segen für eine fruchtbare Zeit. Bleiben Sie weiterhin deutlich hörbar! Stimmen wie die Ihre bleiben auch zukünftig unentbehrlich...
Hannelore Battenberg
ehemaliger Schulfreund AloisW in der Abschlussklasse 13c
22.05.201914:57
Ich möchte meinem ehemaligem Schulfreund Wolfgang Kessler herzlich gratulieren! Ich verdanke ihm objektive Einschätzungen über die Agrarproduktion, mit deren Unternehmern ich im Veterinärbereich beruflich viel zu tun hatte.
Konrad Schulz
22.05.201914:20
Lieber Herr Kessler, schade, daß Sie nun den Stab weitergeben (müssen). Ich erinnere mich gern an Ihren anregenden Beitrag in unserer Kirchengemeinde. Ihre Kommentare zum nötigen Umbau des Kapitalismus haben uns inspiriert und helfen, Kurs zu halten. Wie alle aus der schreibenden Zunft haben sie nun hoffentlich sogar mehr Zeit, sich einzumischen. Wie nötig das ist, macht Publik Forum immer wieder eindrucksvoll klar.
Weiterhin klaren Kurs und die Kraft, die dazu nötig ist.
Martin Guntermann-Bald, Brilon
22.05.201914:06
Sehr geehrter Herr Kessler,

danke für Ihr Engagement für eine gerechte Welt und menschliche, nachhaltige Zukunft!
Ihre Analysen und Kommentare haben mir geholfen, einen persönlichen Standpunkt in einer geldgläubigen postmodernen Gesellschaft mit ihren ideologischen Nebelkerzen und den vielfältigen Ablenkungsmanövern und Zerstreuungen zu finden.
Mir ist - wenn auch spät - klar geworden, dass ich als Christ auch Sozialist sein sollte.
Für Ihr weiteres Wirken: Glück und Segen!
Manfred Althaus
22.05.201913:23
Sehr geehrter Herr Kessler,
ich will nicht pathetisch werden, wenn ich sage, Sie waren u. sind für mich ein Leuchtturm in der deutschen Medienlandschaft. Ich gehörte Anfang der 70-ziger zu den ersten Mitgliedern der Leserinitiative Publik Forum. Nach einer mehrjährigen Bezugspause musste ich feststellen, dass mir etwas fehlt und habe Publik Forum erneut aboniert. Ich fühlte mich sofort wieder als Teil dieses sehr kritischen, tiefgehenden, immer den Menschen verpflichteten, ausgewogenen Journalismuses. Nicht zuletzt ihr so entschiedener Einsatz gegen TTIP, CETA und TISA, haben Ihre pers.u. journalistische Standfestigkeit deutlich gemacht. Sie haben es immer verstanden weltl., relig. u. kirchl. Themen mit großer Ernsthaftigkeit u. Sensibilität zu behandeln. Auch in der Flüchtlingsdebatte haben Sie uns allen den Spiegel vorgehalten. Ihr Wirken u. das von Publik Forum hat mir geholfen, meinen Standpunkt zu festigen. Dafür einfach nur vielen DANK u. Ihnen alles GUTE!
Prof. Dr. Dr. med. KW Stahl
22.05.201910:30
Wir versuchen als gemeinnütziger Verein Waisenmedizin e. V., der vor 19 Jahren in Freiburg von Ärzten und Apothekern gegründet wurde, auch gegen den Mainstream der als Business ausgerichteten Medizinversorgung zu schwimmen.
Das ist ungemein schwer, wie wir jetzt feststellen, weil wir uns nicht damit befassen wie andere gemeinnützigen Vereine, Arzneimittel und Medizinprodukte in arme Länder zu spenden. Vielmehr versuchen wir neue Produkte für bedürftige Patienten, die bei der Pharmaindustrie durch die Maschen fallen, selber zu entwickeln. Für einen gemeinnützigen Verein ohne Kapital ist das ein Ziel, das wir uns gesetzt haben, das uns immer mehr Angst macht je mehr wir auf diesem Wege Fortschreiten und je größer die Gefahr wird, das wir als Verein zahlungsunfähig werden. Wenn unsere Arbeit für Forum Management interessant ist, schreiben wir gerne mal über unsere Arbeit, unsere kleinen Freuden und unsere oft großen deprimierenden Momente.
Martin Guntermann-Bald, Brilon
22.05.201905:52
Sehr geehrter Herr Kessler,

danke für Ihr Engagement für eine gerechte Welt und menschliche, nachhaltige Zukunft!
Ihre Analysen und Kommentare haben mir geholfen, einen persönlichen Standpunkt in einer geldgläubigen postmodernen Gesellschaft mit ihren ideologischen Nebelkerzen und den vielfältigen Ablenkungsmanövern und Zerstreuungen zu finden.
Mir ist - wenn auch spät - klar geworden, dass ich als Christ auch Sozialist sein sollte.
Für Ihr weiteres Wirken: Glück und Segen!
Reinhold Gieringer
21.05.201918:38
Wir müssen in der Gesellschaft noch ausführlich und lange über den gegenwärtigen Kapitalismus diskutieren. Denn er kann die brennendsten Probleme nicht lösen - die soziale Schieflage und die Zerstörung der Natur und des Klimas.
Dazu gab es von Wolfgang Kessler in Publik Forum häufig erhellende, Mut machende Beiträge. Vielen Dank dafür und ihm sehr viel Gutes für die Zukunft!
gisa luu
21.05.201914:34
Wunderbar,
danke für den ermutigenden Bericht!
Habe mit vielen bestärkenden Wünschen vom Opernplatz aus und von der Demo unterwegs aus zu allen Aufrechten im Dominikanerkloster hingedacht!
Was für eine beglückende Stadt, was für ein ermutigender Tag,
was für ein belebender Beginn eines "Ruhestands" -lauter innige Wünsche dem Beweglichen
schickt
Gisa Luu