Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Ausdruck entstammt der Darstellung Ihres Browsers. Schöner, weil komplett gestaltet, bekommen Sie den Text ausgedruckt mit einem Digital-Zugang, der noch weitere Vorteile hat. Infos dazu finden Sie unter https://www.publik-forum.de/premium.

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 18/2017
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion
Der Inhalt:

Roland Jahn: »Nichts verschweigen!«

Jahn war Bürgerrechtler in der DDR und wurde gefesselt in einem Eisenbahnwaggon in den Westen abgeschoben. Heute ist er Chef der Stasiunterlagenbehörde. Er ermutigt ehemalige Stasimitarbeiter, die Wahrheit zu sagen. Ein Gespräch zum 3. Oktober
Roland Jahn: »Eine Diktatur ist überwindbar. Das ist etwas, was Hoffnung gibt. Es gilt, Angst zu überwinden, denn Angst ist der Kitt der Diktatur.« (Foto: pa/Schulze)
Roland Jahn: »Eine Diktatur ist überwindbar. Das ist etwas, was Hoffnung gibt. Es gilt, Angst zu überwinden, denn Angst ist der Kitt der Diktatur.« (Foto: pa/Schulze)

Publik-Forum: Herr Jahn, Sie sind seit 2011 Leiter der Stasiunterlagen-Behörde. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 18/2017 vom 22.09.2017, Seite 42
Glauben Männer anders?
Glauben Männer anders?
Das schillernde Verhältnis von Männern zur Religion

Roland Jahn: Sehr viel. Schließlich beschäftige ich mich mit dem Thema Stasiakten nicht erst, seit ich in diesem Amt bin. Ich war schon 1989/90 als Journalist mit dabei, als die Dienststellen der Stasi besetzt worden sind. Da ging es in erster Linie darum, dass die Stasiakten nicht vernichtet wurden. Dass sie bewahrt werden, um das Unrecht zu belegen. Diese Akten sind wichtig, um den Opfern gerecht zu werden und gleichzeitig die Brücke zu den Generationen zu schlagen, die nicht dabei waren.

Warum sollen sich junge Menschen damit befassen?

Jahn: Die eigentliche Botschaft ist doch: Eine Diktatur ist überwindbar. Das ist etwas, was Hoffnung gibt, gerade auch in ausweglosen Situationen dieser Welt. Es gilt, Angst zu überwinden, denn Angst ist der Kitt der Diktatur. Das kann man beim Lesen der Akten erkennen. Und das ist etwas Wichtiges für heute.

Worin unterscheidet sich Ihre jetzige Tätigkeit als Leiter der Behörde von Ihrer Zeit als Journalist?

Jahn: Früher habe ich mir die Geschichten selber gesucht, jetzt kommen sie auf mich zu. Es geht ja um Menschen und ihre Schicksale. Und darum, nach der Einsicht in die Stasiakten das Leben neu auf die Füße zu stellen. Das geht einem manchmal sehr nahe.

Was erfahren Sie da?

Jahn: Viele haben noch heute gesundheitliche Schäden, aus der Haftzeit beispielsweise. Andere erinnern sich an Ungereimtheiten in ihrem Leben und vermuten, dass da die Stasi im Spiel war. Es gibt auch die, die das Gefühl haben, bis heute ungerecht behandelt zu werden. Zum Beispiel jemand, der damals aus der DDR-Volksarmee desertiert ist, aber bis heute nicht als politisch Verfolgter anerkannt wird, obwohl er im Gefängnis gesessen hat. Es kam auch einmal ein ehemaliger IM (Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi) in meine Bürgersprechstunde. Er suchte meinen Rat, weil er sich im öffentlichen Dienst bewerben wollte. Er war in einem Zwiespalt: Sage ich die Wahrheit, dann bekomme ich vielleicht diesen Job nicht. Sage ich es nicht, muss ich weiter mit der Lüge leben.

Was haben Sie dem gesagt?

Jahn: Nichts verschweigen! Wer offen mit seiner Vergangenheit umgeht, muss auch eine Chance haben, in unsere demokratische Gesellschaft hineinzuwachsen.

Sie waren 1989 in West-Berlin. Hat Sie die Friedliche Revolution überrascht?

Jahn: Nein. Ich hab schon 1987 gespürt, dass das nicht mehr lange dauert.

Woher kam diese Gewissheit?

Jahn: Als Mitarbeiter bei der ARD-Sendung Kontraste hatte ich ein Netzwerk von Informanten in der DDR. Und je mehr sich dieses Aufbegehren dort entwickelte, desto deutlicher wurde mir, dass der Staat sich nicht mehr lange halten würde.

Wie erklären Sie sich, dass die wichtige Rolle der Kirchen in der DDR heute kaum noch wahrgenommen wird?

Jahn: Diese Rolle ist für mich nicht weg. Die Kirche war ein schützendes Dach für viele. Das habe ich in der DDR wahrgenommen, auch als Nichtchrist. Weil ich dort gestärkt worden bin und das Gefühl bekam, nicht alleine zu sein. Da sind Hoffnung und Glaube etwas gewesen, was Kraft gegeben hat.

Woran denken Sie da?

Jahn: An das Frühjahr 1981, das Jahr der späteren Friedensdekade. Unser Freund Mathias Domaschk war in der Stasihaft zu Tode gekommen. Er war jung und gesund im Alter von 23 Jahren in diese U-Haft gekommen und ist nicht mehr lebend herausgekommen. Da haben wir gemerkt, wie ernst diese Auseinandersetzung war: Hier geht es nicht um Versteckspielen mit der Staatssicherheit, hier geht es um Leben und Tod. In dieser Situation war es ganz wichtig, dass wir zur Friedensdekade in den Gemeinden zusammenkamen und uns dort gegenseitig gestärkt haben. (Die ökumenische Friedensdekade ist ein zehntägiges Friedensgebet, zu dem christliche Friedensgruppen jährlich im Herbst aufrufen. Ab 1980 wurde es auch in der DDR praktiziert.) Wenn ich das nicht gehabt hätte … Ich weiß nicht, ob ich die Kraft gehabt hätte, nach dem Tod unseres Freundes im Land zu bleiben.

Warum sind Sie damals in der DDR geblieben?

Jahn: Keiner verlässt freiwillig für immer seine Heimat. Die Umstände müssen schon schlimm sein, damit Menschen in Kauf nehmen, dass sie ihre Familie zurücklassen. Daran denke ich übrigens auch heute bei all den Flüchtlingen. Ich hatte aber damals so eine Trotzhaltung: Nicht aufgeben. So einfach kriegen sie dich nicht raus.

Kommt dieser Trotz aus Ihrem Elternhaus?

Jahn: Meine Mutter, sie war Buchhalterin an der Uni, hatte einen Gerechtigkeitssinn, den habe ich schon früh mitbekommen. So hat sie genau darauf geachtet, dass alle drei Geschwister Weihnachtsgeschenke im gleichen Wert bekamen. Mein Vater war Konstrukteur bei Carl Zeiss Jena und hat eine Weltraumkamera mit entwickelt. Er hat alles mit seiner Hände Arbeit geschaffen und nicht mit einem Parteibuch. Natürlich, meine Eltern haben mich mit ihren Werten geprägt, aber das war auch widersprüchlich.

Inwiefern?

Jahn: Gerechtigkeit im Kleinen war meinen Eltern wichtig, aber sie wollten nicht die Welt verändern oder sich gegen den Staat auflehnen. Da waren sie strikt dagegen. Mein Vater hatte im Krieg ein Bein verloren. Jeden Abend schnallte er am Abendbrottisch seine Holzprothese ab. Da ist mir deutlich geworden, was die Auswirkungen von Politik, in dem Fall von Krieg, sein können.

Anzeige

Der Himmel - Sehnsucht, Glück und Weite

Seit Menschengedenken war der Himmel vor allem eines: der Sitz der Götter. Diese Naivität gibt es nicht mehr. Dennoch fasziniert uns der Himmel immer noch. /mehr

Was hat Ihren Widerstand denn dann beflügelt?

Jahn: Dass ich am 14. Juli geboren wurde, am Tag der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese Worte haben mich von Kind an begleitet, weil ich natürlich immer wissen wollte: Was ist an diesem Tag, der in Frankreich so besonders gefeiert wird, eigentlich geschehen?

Welche Bedeutung hatten diese großen Worte für Sie?

Jahn: Wir haben in Jena gemeinsam versucht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und uns durch diese Ideale leiten zu lassen. Wir träumten von einer Welt in Gerechtigkeit. Und wir hatten dabei auch so einen Begriff wie Sozialismus im Kopf. Letztlich war das Ende des Prager Frühlings die Zäsur, nach der wir politisiert worden sind. Und dann haben wir die Werte konkret gelebt. Dazu gehörte so jemand wie Mathias Domaschk. Wenn du dem gesagt hast, wir wollen die Wohnung meiner Freundin renovieren, dann ist er gekommen. Daran erinnere ich mich noch intensiver als an die verschiedenen politischen Aktivitäten. Denn das macht ja Gesellschaft aus: füreinander da zu sein.

1974 waren Sie noch bei der Bereitschaftspolizei in Rudolstadt, dann aber bald Staatsfeind. Wie kam das?

Jahn: Ich habe meinen Wehrdienst bei der Bereitschaftspolizei abgeleistet. Und das war Teil meines Prozesses. Menschen verändern sich nicht schlagartig. Bei der Bereitschaftpolizei habe ich mit Erschrecken erkannt, dass ich hier den Einsatz gegen mich selbst trainiere. Bei Übungen probten wir konkret, wie man Studentenunruhen in Jena niederschlägt. Da stellte sich mir die Frage: Willst du dabei mitmachen? Und hast du die Kraft auszubrechen? Ich hatte sie zu dem Zeitpunkt nicht. Ich wollte studieren, ein glückliches Leben führen in Beruf und Familie. Ich konnte danach auch anfangen zu studieren, Wirtschaftswissenschaften. Mein Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aber war der Anlass, mich in die Mangel zu nehmen. So wurde ich 1977 exmatrikuliert und habe dann als Transportarbeiter bei Carl Zeiss Jena gearbeitet.

Haben Sie denn nie vom Westen geträumt?

Jahn: Doch, natürlich. Aber eigentlich mehr im Sinne von Reisen. Als meine Tochter drei Jahre alt war, wurde ich zu 22 Monaten Haft verurteilt. Im Gefängnis kam ich an einen Punkt, wo ich dann doch schwach geworden bin. Mein Anwalt sagte, wenn ich aus dem Knast käme, würde mich keiner mehr abholen; meine Freunde und meine Lebenspartnerin hätten alle Ausreiseanträge gestellt. Ab diesem Tag habe ich vom Westen geträumt und davon, mit meinen Freunden und meinem Kind dort zu leben. Als es dann Proteste gegen unsere Haft in den Westmedien und Kirchen gab, wurde ich freigelassen und dachte, dass dieser Staat nicht allmächtig ist. Da habe ich gesagt: Nee, jetzt bleibe ich doch.

Aber es kam anders. Am 8. Juni 1983 sind Sie ausgebürgert worden: Ein Stasikommando hat Sie in Knebelketten in einem Zugwaggon zum Grenzbahnhof Probstzella transportiert. Was war das für ein Tag?

Jahn: Das war der traurigste Sommertag, den ich je erlebt habe. Dieser Abtransport aus Jena durch das Saaletal in dieser Abendsonne, dem Abendlicht. Das war kein Abtransport aus der Diktatur, sondern aus der Heimat, in der ich 29 Jahre gelebt habe. Da war plötzlich diese große Ungewissheit: Woran kann ich mich jetzt halten? Man nimmt mir ein Stück meines Lebens, meine Heimat. Die Freiheit bedeutete nur eine halbe Freiheit. Doch dann kam der Durchbruch.

Wodurch?

Jahn: Durch einen illegalen Aufenthalt in der DDR zwei Jahre nach der Ausbürgerung. Ich kam aus Prag und bin auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld zufällig durchgerutscht. Man hat mich mit der S-Bahn über die Grenze fahren lassen. Ich habe spontan einen Freund aufgesucht, und wir sind nach Jena gefahren. Ich wollte als Erstes nach Hause, zu meinen Eltern. Aber ich habe mich nicht getraut zu klingeln. Weil ich ja illegal da war. Würde mein herzkranker Vater das verarbeiten? Es war Licht in der Wohnung. Früh in der Nacht. Ich stand da über eine Stunde. Und bin weggegangen, ohne zu klingeln.

Wie ging es weiter?

Jahn: Freunde haben die Presse und die Ständige Vertretung der Bundesrepublik im Osten informiert, damit ich zurück nach West-Berlin komme, ohne inhaftiert zu werden. Jedenfalls fühlte ich mich nach diesem Besuch viel freier. Ich begann im Westen gezielt, die Medienarbeit über die Opposition in der DDR aufzubauen.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Jahn: Das scheinbar Unmögliche wird möglich, wenn Menschen es tun. Die kostbare Erfahrung, dass es geht: Steh auf, misch dich ein! Du kannst Dinge verändern.

Was heißt das für die Demokratie?

Jahn: Wir haben auch in der Demokratie die Aufgabe, zu verändern. Der Prüfstein ist ihre Korrekturfähigkeit. Dort, wo in Grundrechte der Menschen so eingegriffen wird, dass es Menschenrechte verletzt, muss die Demokratie in der Lage sein, das zu ändern.

Was meinen Sie damit?

Jahn: Das Wirken von Geheimdiensten. Natürlich gibt es auch auf diesem Gebiet einen deutlichen Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur. Trotzdem gibt es Situationen, in denen die Gefahr besteht, dass Grundrechte der Bürger verletzt werden. Die Erfahrung der Diktatur kann nur heißen, wachsam zu bleiben.

Am 3. Oktober feiern wir wieder den Tag der Deutschen Einheit. Ist es das richtige Datum dafür?

Jahn: Sagen wir so: Ein Tag, an dem ein Vertrag in Kraft getreten ist, ist nicht der Tag, der sich zu solchem Erinnern eignet. Für mich wäre nach wie vor der 17. Juni der Tag, an dem Wesentliches zu erinnern ist. Sowohl der Aufstand als auch dessen Niederschlagung 1953 und die Erfüllung seiner Forderungen durch die Friedliche Revolution. Für mich ist die Revolution von 1989 die Vollendung des Aufstands von 1953. Ein Nationalfeiertag in Deutschland sollte verbunden sein mit dem deutlichen Signal, dass Menschen Geschichte geschrieben haben.

Was haben Sie am Tag des Mauerfalls gemacht?

Jahn: Ich bin gegen den Strom, der an diesem 9. November von Ost nach West ging, von West nach Ost gegangen. Und zwar nach Hause zu meinen Eltern.

Kommentare
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Er wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette
Heiner Grünwaldt
09.10.201717:20
Frau Röder hat mit ihren Fragen für den Leser kaum irgendwelche neuen Antworten vermittel. Die böse Stasi - das weiß doch jeder. Wichtigere Fragen, zu denen aus der Sicht der Erfahrungen und des Nachdenkens von Herrn Jahn wichtige Antworten möglich gewesen wären, hat sie leider nicht angesprochen: wie und aus welchem gesellschaftlichen Umfeld entwickelt sich ein solches System ? Benutzen wir die uns - möglicherweise ? - verfügbaren Werkzeuge, um uns selbst davor zu schützen ? Die in unserer Sprachregelung demokratischen Systeme (Türkei, USA, wir selbst ...) sollten warnen, wieweit unsere eigenen Stasis schon ihre Keime gelegt haben, nicht zuletzt durch Gesetze, die solch beliebig verwendbare "Geßler-Hüte" wie das Vermummungsverbot enthalten. Dies Interview - leider ein großes Versäumnis !
Newsletter bestellen
Melden Sie sich kostenlos für den regelmäßigen Newsletter von Publik-Forum mit aktuellen Neuigkeiten und Zusatzinformationen an.