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Muslime: Mehr Distanz zu Terror?

Es gibt muslimische Mahnwachen, Demonstrationen für den Frieden und Stellungnahmen von Islamverbänden gegen Gewalt. Dennoch wird nach jedem islamistischen Anschlag gefordert, deutsche Muslime müssten sich stärker vom Terror distanzieren. Zwei Musliminnen fragen sich: Ist das nötig? Die eine sagt: Ja! Die andere: Nein! Und Ihre Meinung?
vom 07.07.2017
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Müssen sich Muslime immer neu von islamistischen Terroranschlägen weltweit distanzieren? »Ja!«, sagt Sineb El Marar (links). »Nein, das wäre falsch!«, findet dagegen Canan Topcu (rechts). (Fotos: privat; pa/Schindler)
Müssen sich Muslime immer neu von islamistischen Terroranschlägen weltweit distanzieren? »Ja!«, sagt Sineb El Marar (links). »Nein, das wäre falsch!«, findet dagegen Canan Topcu (rechts). (Fotos: privat; pa/Schindler)

Sineb El Masrar: »Ja! Wir müssen mehr Haltung zeigen«

»Es geht darum, Haltung zu zeigen für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Vielfalt. Auch in Form von Demonstrationen. Wie das aussieht, können Muslime selbst entscheiden – der Demonstrationskreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. All diese Werte, von denen wir Muslime hierzulande ja ebenfalls profitieren, sind hart erkämpft worden und kein Selbstläufer. Wir stehen als Bürgerinnen und Bürger daher auch in der Pflicht, dies mit zu bewahren. Ob wir darauf nun Lust haben oder nicht.

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Eine Distanzierung ist keine Stigmatisierung, sondern ein selbstbewusster Akt der Zivilcourage! Für Menschen mit Migrationshintergrund, für Muslime, Juden, Frauen oder Homosexuelle ist es immer wieder wichtig, Demonstrationen gegenüber ausgrenzenden, völkischen oder gewalttätigen Ideologien und Bewegungen wahrzunehmen. Das schafft Sicherheit, Zuversicht, Anerkennung und Austausch. Wer das negiert oder lächerlich macht als Muslim, leugnet, dass Menschen soziale Wesen sind und immer auch Rückmeldungen ihres Gegenübers benötigen. Selbst Einzelgänger und Einzelgängerinnen.

Es gibt viele menschenfeindliche Ideologien auf der Welt. Der Islamismus gehört dazu. Er hat sehr wohl mit dem Islam zu tun, ob uns Muslimen das gefällt oder nicht. Sich damit endlich offen und selbstkritisch auseinanderzusetzen, ist für das friedliche Zusammenleben unserer Nachkommen von großer Bedeutung. Es gilt daher, die Deutungshoheit nicht muslimischen Reaktionären zu überlassen und sie durch Schweigen in ihrer Propaganda zu bestärken. Wir müssen ihnen signalisieren: Wir dulden und decken euch nicht. Wer das demonstriert als Muslim, der baut ganz nebenbei auch Misstrauen ab. In diesem Sinne: Weniger jammern und ablehnen – mehr couragierte Haltung zeigen!«

Canan Topcu: »Nein! Wieso sollten wir denn?«

»Wann immer irgendwelche durchgeknallten Typen »Allahu akbar – Allah ist groß« rufend Menschen in die Luft jagen, wird von uns Muslimen gefordert, dass wir uns von den Tätern und ihren Taten distanzieren. Und zwar sichtbar und hörbar im öffentlichen Raum. Wieso aber soll ich mich als Muslima gegen diese Verblendeten positionieren? Weil sie im Namen auch meines Gottes morden? Oft wird vergessen, dass auch wir Muslime Leidtragende des Terrorismus sind. Weltweit sind die meisten Terroropfer Muslime. Deshalb: Ja, ich distanziere mich von Gewalt – aber als Mensch, nicht als Muslimin.

Zu erklären, dass die islamistischen Extremisten keine Muslime seien, wie es Funktionäre islamischer Verbände immer wieder tun, ist meines Erachtens falsch. Denn die Täter definieren sich ja als solche und nehmen sich das Recht heraus, im Namen ihres Gottes und für ihren Glauben zu töten. Deshalb bin ich aber noch lange nicht der Ansicht, dass ich auf eine Demo gegen islamistischen Terror gehen muss. Für mich ist es selbstverständlich, Terror und das Töten abzulehnen. Die von uns Muslimen erwartete und uns aufgezwungene Distanzierung empfinde ich jedoch auch als eine Form von Gewalt. Es wird – bewusst oder unbewusst – versucht, uns auszugrenzen und uns nicht als Gleiche unter Gleichen in diesem Land zu behandeln. Wenn Muslime sich nicht von Gewalt im Namen Allahs distanzieren, bedeutet das keineswegs, dass sie islamistischen Terror gutheißen! Doch diesen Umkehrschluss ziehen leider viele. Und das ärgert mich maßlos. Nach diesem Muster könnte ich nämlich auch davon ausgehen, dass es unter den Deutschen sehr viele Rechtsextreme gibt. Denn: Gegen die NSU-Morde hat es bislang keine Massendemonstration gegeben – auch nicht wegen der angeblichen Ermittlungspannen.«

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Personalaudioinformationstext:   Sineb El Masrar (@sineb_el_media), geboren 1981, ist Journalistin und Autorin. Zuletzt erschien ihr Buch »Emanzipation im Islam«. 2006 gründete sie das multikulturelle Frauenmagazin »Gazelle«.
Canan Topcu (@Canan_Topcu), geboren 1965, ist Journalistin und Dozentin an der Hochschule Darmstadt und an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung. Schwerpunktthemen ihrer journalistischen Arbeit sind Migration und Integration.
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