Müssen Christen alle aufnehmen?
Pater Frido Pflüger: »Ja! Das ist biblisches Gebot«
»Das biblische Gebot, den Fremden aufzunehmen, ist ohne Wenn und Aber und ohne Obergrenze formuliert. Im Libanon, wo Flüchtlinge ein Viertel der Bevölkerung stellen, mag es Diskussionen über die Grenzen dieses interreligiösen Gebots geben. Doch im »christlichen Abendland« stellt sich diese Frage allenfalls theoretisch. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht vor Gewalt und existenzieller Not. In Deutschland wurden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 95 000 Asylsuchende registriert.
Einige katholisch geprägte EU-Länder wie Polen oder Ungarn verweigern sich fast völlig. Zuflucht gewähren meist Länder, die deutlich ärmer sind als Deutschland: 86 Prozent der Flüchtlinge werden von Entwicklungs- oder Schwellenländern aufgenommen. Derweil schiebt Deutschland Menschen sogar nach Afghanistan zurück. Obwohl wir seit dem Herbst 2015 doch wissen, dass wir so viel mehr können: Sechs Millionen Ehrenamtliche engagieren sich, damit Menschen nach der Flucht bei uns ein neues Leben beginnen können. Es tut weh zu sehen, dass Aufnahmeeinrichtungen wieder verwaisen und dass die Bundesregierung, statt diese Kapazitäten zu erhalten und das enorme Engagement zu fördern, eine Asylrechtsverschärfung nach der anderen beschließt.
Die entscheidenden Fragen sind: Wie nehmen wir die vergleichsweise wenigen Menschen, die es zu uns geschafft haben, menschenwürdig auf? Wie steht es um unser christliches Selbstverständnis, wenn unsere Gesetze jahrelang Eheleute voneinander und minderjährige Kinder von ihren Eltern trennen? Wie lange wollen wir noch zusehen, wie Menschen auf dem Weg nach Europa ertrinken? In den Worten von Papst Franziskus: ›Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?‹«
Ulrich Körtner: »Nein! Das ist fragwürdig«
»Dass Menschen geholfen werden muss, die vor Krieg oder Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen flüchten, steht außer Zweifel. Das ist nicht nur Christenpflicht, sondern ein Gebot der Menschlichkeit.
Die Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden ist freilich nicht nur eine Frage der Moral, sondern auch des Rechts und der Politik. Moral, Politik und Recht dürfen nicht getrennt werden, sie sind aber voneinander zu unterscheiden. Das Evangelium hat eine politische Dimension, aber zu ihr gehört auch die Unterscheidung zwischen der Sphäre des Politischen und dem Reich Gottes.
Es gibt eine Auffassung von politischer Theologie, die durch Moralisierung des Evangeliums das eigene Recht des Politischen infrage stellt und zur Abdankung der politischen Vernunft führt. Zwischen dem moralisch Gebotenen und dem politisch Richtigen ist auch aus Glaubensgründen zu unterscheiden. Aus dem Gebot der Nächstenliebe lassen sich keine erschöpfenden Handlungsanweisungen für eine langfristige Migrationspolitik ableiten.
Politik hat nicht nur die kurzfristigen, sondern auch die längerfristigen Folgen politischen Handelns zu verantworten. Eine Politik der offenen Grenzen wie eine fortlaufende Ausdehnung des Flüchtlingsbegriffs führen zum Ende einer rationalen Flüchtlings- und Migrationspolitik, die das Gemeinwohl im Blick hat. Um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten, ohne den es kein Asylrecht und keinen Schutz der Menschenrechte gibt, kann eine Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen sogar moralisch geboten sein. Klar ist allerdings auch, dass die moralische und politische Verantwortung für geflüchtete Menschen nicht an den Landesgrenzen oder den Außengrenzen der EU endet.«
Ulrich Körtner, geboren 1957, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
