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Buchbesprechungen
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Barbara Blaha legt knackige feministische Analysen vor, Partha Dasgupta verteidigt den »Wert der Natur« und Volker Heins erzählt von Städten, die für Flüchtende »sichere Häfen« sind.
vom 11.05.2026
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Barbara Blaha
Funkenschwestern
Molden. 208 Seiten. 25 €

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 9/2026 vom 15.05.2026, Seite 56
Verschwiegen und vergessen
Verschwiegen und vergessen
Wie biblische Frauengeschichten verdrängt werden

Die feministische Influencerin, Bühnenkabarettistin und Aktivistin Barbara Blaha aus Österreich legt in ihrem Buch eine Bestandsaufnahme darüber vor, wie Frauen auch heute noch benachteiligt und diskriminiert werden. Es ist eine Fundgrube für alle, die sich manchmal fragen (oder gefragt werden), ob es mit der Gleichstellung nicht langsam mal gut sei. In sieben Kapiteln geht es um strukturelle Ungerechtigkeit, ungleiche Bezahlung, Care-Arbeit und Familie, Mental Load, Zeit, Gesundheit sowie Hass und Gewalt gegen Frauen. Blaha verwebt eigene Erfahrungen mit Zahlen und Fakten, verbindet ökonomische und feministische Analysen, und lädt ausdrücklich auch Männer ein, mit Feminismus alles besser zu machen, so der Untertitel. Allerdings bleibt die Frage offen, wie denn eine Veränderung gelingen könnte. Blahas Analyse ist nicht neu, sie wurde nur selten so knackig und eingängig aufgeschrieben. Antje Schrupp

Partha Dasgupta
Der Wert der Natur
Siedler. 288 Seiten. 26 €

Partha Dasgupta gilt als einer der wichtigsten Vordenker der Umweltökonomie. Er hat für die britische Regierung einen Bericht erstellt, den er in einer geänderten Fassung nun als Buch vorlegt. Man ist erstaunt, von ihm zu erfahren, dass in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften die ökologischen Schäden des Wirtschaftens wie der Klimawandel, abgeholzte Wälder oder das dramatische Artensterben schlicht nicht vorkommen. Dasgupta setzt dagegen: Die Natur ist nicht einfach da und steht zur Verfügung. Sie hat einen Eigenwert und ist produktiv. Gesunden Böden, einer vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt oder sauberem Wasser muss ein Wert beigemessen werden, um eine Übernutzung zu verhindern. Die Menschheit steht vor dem Schrecken einer selbstverschuldeten Selbstauslöschung. Deshalb muss sie die Heiligkeit der Natur und ihren Status als Rechtssubjekt erkennen. Das ist eine Frage der persönlichen und der politischen Ethik. Ein Buch, das nachdenklich macht. Franz Segbers

Volker M. Heins
Sichere Häfen – Städte als Zuflucht
Nautilus. 216 Seiten. 20 €

Der Sozialwissenschaftler Volker M. Heins lebte in Chicago, besuchte anschließend Sheffield, Palermo, Zürich, Bremen, Berlin und schließlich Kampala. Ihn interessierten Einstellungen und Konzepte, die versprechen, aus urbanen Kommunen »sichere Häfen«, Willkommensstädte oder Sanctuary Cities zu machen, die Geflüchtete als gleichberechtigte Bewohnerinnen und Bewohner ansehen und nicht zwischen legalen und illegalen Einwanderern unterscheiden. Sie widersetzen sich damit bewusst nationalen Asyl- und Migrationspolitiken. Getragen wird die Idee städtischer Inklusion von lokalen, darunter kirchlichen oder migrantischen Gruppen, zuweilen von Rathäusern unterstützt, aber immer in örtlichen Traditionen wurzelnd. Die Aktivisten, die der Autor traf, waren überzeugt, das Richtige zu tun, und illusionslos: Denn die Wellen gesellschaftlicher Gegenwehr schlagen immer wieder an sicher geglaubten Häfen hoch, an Städten, die sich eben noch als Zuflucht verstanden. Ernst Rommeney

Albi Roebke/Lisa Harmann
Und plötzlich ist nichts mehr, wie es war
Fischer. 256 Seiten. 18 €

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Das multiperspektivisch angelegte Buch bietet »Anleitungen zum mentalen Stressmanagement«; es hilft zu verstehen, warum Menschen in Extremsituationen körperlich und seelisch so unvorhersehbar reagieren und vor allem: welche – oft ungewöhnliche und überraschende – Unterstützung dann nötig und förderlich ist. Der Autor, evangelischer Pfarrer und Notfallseelsorger, liefert fundierte Informationen »über Schicksalsschläge und Hoffnung«; seine Kollegin bringt ergänzende Zugänge ein, zum Beispiel über die (Familien-)Trauerbegleitung. In die eher persönlichen Texte sind Kästchen mit Sachinformationen eingefügt, teils erklärend, teils weiterführend, zum Teil mit ganz konkreten Ratschlägen. Ergebnisse aus der Stress- und Traumaforschung erweitern den Horizont, ebenso die bewegenden Erfahrungsberichte, einige von direkt Betroffenen verfasst. Roebkes Sprache ist anschaulich und bildhaft oder, wie er selbst sagt, »ungewaschen«. Annelie Baum-Resch

Jürgen Boomgaarden
Ach Gott!
Königshausen & Neumann.
242 Seiten. 16 €

Dieses Buch versucht, eine »kurze Einführung in die christliche Religion« zu geben. Der Autor, Professor für Evangelische Theologie in Koblenz, konzentriert sich dabei ganz auf die Person Jesus von Nazaret. Alle christlichen Traditionen und Riten, so Boomgaarden, kreisten letztlich um die Begegnung mit Gott in diesem Menschen, in dem Gott seine Liebe in einzigartiger Weise präsent gemacht habe. Ein interessanter Versuch, die Kernbotschaft des christlichen Glaubens nah an der Alltagssprache darzustellen und dabei die existenzielle Spitze des Glaubens freizulegen. Lutz Lemhöfer

Erich Lehner
Ohne dich
Tyrolia. 128 Seiten. 18 €

»Wenn Männer trauern«, so lautet die Unterzeile des Buches. Der Wiener Psychoanalytiker und Obmann des Dachverbandes der Männerarbeit in Österreich räumt ein, dass Männer vielfach anders trauern als Frauen. Das täten sie aber nur, weil sie sich Mustern einer »hegemonialen«, also dominierenden Männlichkeit unterwerfen würden, die unter den Männern selbst entstanden seien. Im Grunde aber gebe es im Umgang mit Trauer kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ausgehend von der sozialen Konstruktion der Geschlechter und gestützt auf neue Erkenntnisse der Trauerforschung, zeigt Lehner auf, wie Prozesse einer erfolgreichen Trauerbewältigung ablaufen, welche Kernaufgaben sich dabei stellen und wie konstruktiv oder problematisch Männer damit umgehen. Männer bräuchten »die innere und äußere Erlaubnis«, ihre Trauer ganz individuell in verschiedensten Facetten ausdrücken zu können. Das aber gehe nicht ohne neue Bilder von Männlichkeit, zu denen zum Beispiel das Äußern von Gefühlen oder die Akzeptanz von Verletzlichkeit und Unsicherheit gehörten. Ein verständliches, informatives Büchlein. Hartmut Meesmann

Paul Sailer-Wlasits
Demagogie
Königshausen & Neuman.
224 Seiten. 20 €

Mit dem Buch zur »Sozialphilosophie des sprachlich Radikalbösen« legt der Sprachphilosoph und Politologe die Analyse eines zentralen Phänomens politischer Rhetorik vor. Demagogie wird nicht als polemische Zuschreibung, sondern als sprachliche Machttechnik bestimmt, die auf affektive Mobilisierung, Vereinfachung und diskursive Verschiebung zielt. Die Studie rekonstruiert das »Prinzip Demagogie« in historischer Langzeitperspektive von der Antike bis zur digitalen Gegenwart. Dabei wird die Konstanz der Phänomene und Mechanismen – von Angst über Ressentiment bis Heilsversprechen – herausgearbeitet. Die digitale Transformation beschleunigt mittels algorithmischer Verstärkung und globaler Echtzeitkommunikation die Reichweite politischer Botschaften. Dadurch intensiviert sich das manipulative Potenzial sprachlicher Strategien. Der Autor zeigt, unter welchen strukturellen Bedingungen demagogische Kommunikation wirksam wird und weshalb moderne Demokratien dafür anfällig bleiben. Tobias Berger

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