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Vertrau, schau wem

von Britta Baas vom 18.06.2019
»Mensch, worauf vertraust du, dass du dich so sicher fühlst?« Der Kirchentag fragt in diesem Jahr mit einer Stelle aus dem Alten Testament, worauf man im Alltag bauen kann. Auf Gott? Auf andere Menschen? Oder nur auf sich selbst? In Zeiten harter gesellschaftlicher Vertrauenskrisen ein großes Thema
Der Evangelische Kirchentag in Dortmund beginnt am Mittwoch, 19. Juni 2019. Seine Losung heißt: "Was für ein Vertrauen" (Gafik unter Verwendung eines Motivs von © Deutscher Evangelischer Kirchentag)
Der Evangelische Kirchentag in Dortmund beginnt am Mittwoch, 19. Juni 2019. Seine Losung heißt: "Was für ein Vertrauen" (Gafik unter Verwendung eines Motivs von © Deutscher Evangelischer Kirchentag)

Im zweiten Buch der Könige ist die Lage verfahren: Der König der Assyrer hat die Städte Judas eingenommen. Hiskia, der König von Juda, ist unter Druck: Wie soll er sich gegen die Übermacht des Feindes wehren? Dessen Heer zieht gegen Jerusalem, man ruft nach Hiskia. Der sendet wichtige Männer zur Verhandlung. Die Assyrer strotzen vor Selbstbewusstsein. Sie fragen höhnisch, auf wen Hiskia denn nun sein Vertrauen setze. »Meinst du, bloße Worte seien schon Rat und Macht zum Kämpfen?Auf wen verlässt du dich denn...?« Hiskia ist verzweifelt, als seine Abgesandten ihm vom Verlauf der Unterredung berichten. »Er zerriss seine Kleider und legte einen Sack an und ging in das Haus des Herrn.« Und doch: Am Ende steht Gott ganz klar auf seiner Seite: »In der Nacht fuhr aus der Engel des Herrn und schlug im Lager von Assyrien hundertfünfundachtzigtausend Mann.« Der König der Assyrer zieht ab. Schlimmer noch kommt es für ihn: Weil er den falschen Gott anbetet, erschlagen ihn seine eigenen Söhne.

Der Kirchentag hat seine Losung in diesem Jahr genau jener blutigen Story entnommen. Etwas indifferent steht sie da, auf dem Cover des Kirchentagsprogramms. Ohne Fragezeichen, ohne Ausrufezeichen. Es bleibt offen, was der Kirchentag damit meint. Will er Hoffnung machen? Will er höhnisch nachfragen, wie die Assyrer? Oder will er einfach nachdenklich sein?

In Zeiten harter gesellschaftlicher Vertrauenskrisen hat er jedenfalls mit diesen Worten genau ins Schwarze getroffen. Kirchentag ist Vertrauenssache. Und so wundert es nicht, dass etwa hunderttausend Menschen nach Dortmund kommen werden, um sich den aktuellen Debatten zu stellen.

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In dieser Gesellschaft »mangelt es an Nähe«, sagt der Vertrauensforscher Martin Schweer, den wir in der neuen Ausgabe von Publik-Forum interviewt haben, die am Freitag erscheint. An der Uni Vechta erforscht er, wie Vertrauen geht: in der Familie, in der Politik, in Unternehmen. Er sieht, dass sich viele Menschen von der globalen Entwicklung überrollt fühlen, von der pluralen Gesellschaft nicht zu profitieren meinen, Angst vor der Zukunft haben. Der Streit geht nicht mehr zwischen »links« und »rechts«, sondern zwischen »global« und »lokal«. Der Kirchentag trägt dieser Erkenntnis Rechnung.

Publik-Forum tut es auch. In unserem Zentrum an der Gabelsbergerstraße 32 diskutieren wir mit unseren Gästen über die brennenden Themen der Zeit: über marktkonforme Demokratie und demokratische Gesellschaft, über die Voraussetzungen für ein humanes Wirtschaften, über eine Gesellschaft ohne sexuelle Gewalt, über Kirche, Fußball und Rechtsextremismus. Kommen Sie zu uns, kommen Sie in die Gemeinde St. Martin. Unser Programm ergänzt und begleitet den Kirchentag. Und gibt die Möglichkeit, hautnah zu diskutieren.

Wir schreiben auch ein Kirchentagstagebuch für Sie. Bis zum Sonntag, 23. Juni, finden Sie täglich etwas Neues auf Publik-Forum.de – schauen Sie online vorbei! Wir lassen uns diesmal auch von drei Außensichten inspirieren: Ragna Diederichs von der Klima-Bewegung Fridays for Future, Seyran Ates, Imamin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin und die Schriftstellerin Zoe Beck fragen sich: Wie muss er sein, der Kirchentag der Zukunft in Deutschland? Wann sind Christen für die Gesellschaft wichtig? Lassen Sie sich überraschen!

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