Verschlossene Räume für Donum Vitae
Für Sabine Demel, Professorin für Kirchenrecht an der Uni Regensburg, ist die Sache klar: Donum Vitae (DV), jener Verein, den katholische Laien 1999 nach dem Ausstieg der katholischen Bischöfe aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung gegründet hatten, ist eine Vereinigung innerhalb der Kirche. »Die Behauptung, dass Donum Vitae ein Verein außerhalb der Kirche sei, ist theologisch und kirchenrechtlich nicht haltbar«, schreibt sie in der aktuellen Ausgabe der Herder-Korrespondenz. Die deutschen katholischen Bischöfe sehen das allerdings anders. Sie haben dem Verein und damit auch seinen Mitgliedern und Förderern die Kirchlichkeit abgesprochen.
Der Verein Donum Vitae (»Geschenk des Lebens«) war von engagierten Katholiken gegründet worden, nachdem Papst Johannes Paul II. den katholischen Verbänden Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) verboten hatte, Frauen weiterhin die Schwangerschaftskonfliktberatung zu bescheinigen. Dieser Schein ist nach deutschem Recht nötig, um straffrei einen Schwangerschaftsabbruch zu vollziehen. Der damalige Limburger Bischof Franz Kamphaus hatte versucht, den Papst und die anderen Bischöfe davon zu überzeugen, im staatlichen System der Konfliktberatung zu bleiben, um möglichst vielen betroffenen Frauen beistehen und sie bei der Entscheidung für ihr Kind unterstützen zu können. Erfolglos.
Da sich die katholische Kirche »bedingungslos für ein Ja zum Leben« einsetze, komme für katholische Christen »der Weg, den Donum Vitae beschreitet, nicht infrage«. Mit diesen Worten formuliert Kamphaus’ Nachfolger, Franz-Peter Tebartz-van Elst, die Position, die sich die deutschen Bischöfe damals auf Druck des Papstes zu eigen gemacht hatten. Weil der Schein die Eindeutigkeit des kirchlichen Zeugnisses verdunkele, dürfe er nicht ausgestellt werden, so der Bischof von Limburg.
Wenn Donum Vitae kein katholischer Verein ist, könnten die Bischöfe dessen Aktivitäten eigentlich gelassen sehen. Tun sie aber nicht. Im Gegenteil. Einige bekämpfen den Verein, als lauere in dessen Reihen der Leibhaftige. Das hat leidvoll Hans Maier erfahren, der frühere bayerische Kultusminister und langjährige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Dass ausgerechnet ihn der Bannstrahl der Bischöfe von Augsburg und Regensburg traf, hat Maier selbst am meisten überrascht. Er darf in beiden Bistümern nicht in kirchlichen Räumen aus seiner Autobiografie lesen, weil darin auch ein Abschnitt über Donum Vitae enthalten ist. Und Alois Glück, Maiers Nachfolger an der Spitze des ZdK, wurde nach seiner Wahl im Jahr 2009 von den Bischöfen erst bestätigt, nachdem er schriftlich zugesichert hatte, seine Ämter bei Donum Vitae ruhen zu lassen.
Angst vor dem Bischof
Maier und Glück sind keine Einzelfälle: Im vergangenen November wurde die Verleihung der Korbinians-Medaille des Erzbistums München-Freising an die langjährige bayerische Landesvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbunds, Waltraud Deckelmann, im letzten Moment abgesagt. Grund: Sie arbeitet im bayerischen Landesvorstand von Donum Vitae mit. In Amberg musste im Oktober 2011 das Gospel-Konzert zum zehnjährigen Bestehen der dortigen Donum-Vitae-Beratungsstelle von der katholischen Stadtpfarrkirche in die evangelische Paulaner-Kirche verlegt werden. Auf Anweisung des Regensburger Generalvikars nahm der katholische Pfarrer die Genehmigung für das Konzert zurück.
Auch im Bistum Limburg geht unter Pfarrern und hauptamtlichen Mitarbeitern die Angst um. Das stellt Klaus-Peter Hüllen, Vorsitzender des DV-Regionalverbands für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis, fest. »Bei einer Donum Vitae-Veranstaltung waren mehrere Pfarrer anwesend und auch Pressevertreter«, berichtet Hüllen. »Die Pfarrer passten stets auf, nicht auf ein Pressebild zu geraten.« Denn in diesem Fall, so zitiert Hüllen einen Pfarrer, dessen Namen er nicht nennen möchte, müsse er sofort nach Limburg zum Rapport.
Auch eine engagierte Katholikin aus dem Bistum Limburg traf der Bannstrahl des Bischofs, weil sie Vorsitzende des Regionalverbands Limburg von Donum Vitae ist. Die Ernennungsurkunde zur Kommunionhelferin lag bereit, der Termin der feierlichen Einführung im Gemeindegottesdienst stand fest, da bekam der Pfarrer einen Anruf aus dem Ordinariat: Die Ernennung werde zurückgenommen, da das Kommunionhelfer-Amt nicht vereinbar sei mit ihrer Tätigkeit bei Donum Vitae.
Nicht überall ist das Bannschwert gleich scharf geschliffen
Katholische Religionslehrer werden ermahnt, bloß keine Donum-Vitae-Vertreter in ihren Unterricht einzuladen, katholischen Schulen wird sogar jeglicher Kontakt mit Donum Vitae untersagt. So geschehen an der Marienschule in Limburg und am Marianum sowie der Marienschule in Fulda, alle in kirchlicher Trägerschaft.
Nicht überall ist das Bannschwert gleich scharf geschliffen. Hier und da gibt es auch eine schweigende Duldung: Eine Pfarrei in der Nähe von Köln etwa lässt einen Teil des Erlöses ihres Pfarrfestes Donum Vitae zukommen. Der Verein ist auf dem Fest mit einem Info-Stand vertreten. »Wir machen das und fragen nicht. Bisher hat niemand etwas dagegen gesagt«, sagt Rudolf Barth, 24 Jahre lang Pfarrgemeinderat dieser Pfarrei. Erstaunlich. Denn gerade im Erzbistum Köln haben die Leute Angst, wenn sie sich bei Donum Vitae engagieren. »Hier hat kein kirchlicher Mitarbeiter auch nur eine Chance, seinen Beruf zu behalten, wenn er sich für Donum Vitae engagiert«, urteilt der Autor und pensionierte Fernsehjournalist Ulrich Harbecke, früher beim WDR für »Religion und Bildung« verantwortlich.
Der Umgang der Bischöfe Zdarsa und Müller mit Donum Vitae: flegelhaft
Im Bistum Münster ist der Umgang von amtskirchlicher Seite weniger restriktiv. Laut Thomas Sternberg, Leiter der katholischen Akademie Franz-Hitze-Haus, ist Donum Vitae »absolut kein Kampfthema im Bistum«. In der Tat: Hans Maier war gerade erst wieder als Referent zu Gast, Donum Vitae hält seine Versammlungen in der Akademie ab. Sternberg ist selbst Gründungsmitglied von Donum Vitae. Über den Umgang der Bischöfe Müller (Regensburg) und Zdarsa (Augsburg) mit Hans Maier urteilt er kurz und knapp: flegelhaft.
»Wir sind ein fürchterlicher Stachel im Bewusstsein des konservativen Klerus und erzkonservativer Internetforen. Dort werden wir als Mörderbande verschrien«, urteilt der hessische DV-Vorsitzende Norbert Brand. In die Zielscheibe des reaktionären Online-Dienstes kreuz.net geriet der Limburger Pfarrer Hubertus Janssen. Der Pfarrer im Ruhestand ist seit Langem Mitglied von Donum Vitae, bei der Eröffnung der Beratungsstelle in Limburg hat er deren Räume gesegnet. Auch als er noch Gemeindepfarrer war, hat er deswegen von Seiten des Bischofs keinen Ärger bekommen. »Es ist bekannt, dass ich den Mund aufmache, wenn es notwendig ist«, bemerkt er lakonisch. Auch andere Pfarrer unterstützen Donum Vitae. Das zeigt: Der Bruch verläuft nicht zwischen Laien und Amtskirche, wie es die Bischöfe gerne suggerieren, sondern mitten durch die katholische Kirche.
Wut und Ratlosigkeit bei gestandenen Katholiken
Angesichts des Gebarens der meisten Bischöfe stehen selbst gestandene Katholiken ihrer Kirche ratlos und zornig gegenüber; manche wenden sich deshalb von ihr ab. »Ich erwarte von der katholischen Kirche nichts, also kann ich nicht enttäuscht werden«, sagt Norbert Brand, Vorsitzender des hessischen DV-Landesverbands. Er war 16 Jahre lang Mitglied des Pfarrgemeinderats seiner Pfarrei Heilig Geist in Darmstadt-Arheilgen. Inzwischen hat er sich aus allen Wahlämtern zurückgezogen. Der pensionierte Ingenieur ist überzeugt, mit Donum Vitae auf dem richtigen Weg zu sein. »Ich gehe an die Arbeit mit Gottvertrauen. Dereinst werde ich vor meinem Herrgott stehen und erklären, warum ich es für wichtiger hielt, Donum Vitae zu unterstützen als der Anordnung der Kirche zu folgen.« Manchmal schämt er sich, katholisch zu sein. »Man kann doch nicht sagen: ›Wir machen uns die Hände nicht mehr schmutzig - und damit ist der Schmutz aus der Welt.‹ Das funktioniert nicht.«
In der Tat: Leid und Übel in der Welt werden nicht dadurch kleiner, dass man sich davon distanziert, auf dass alle erkennen, dass man dagegen ist. Es ist falsch, um eines Prinzips willen, Frauen in Not alleinzulassen. Die Wirklichkeit zum Guten verändern kann nur, wer die Kreuze dieser Welt mitträgt, auch wenn seine Weste dabei Flecken bekommt.
Der Kirchenaustritt als Ultima Ratio
Bei manchen Katholikinnen und Katholiken ist die Enttäuschung und Verärgerung so groß, dass sie aus der Kirche austreten. Eine Frau um die fünfzig, die ungenannt bleiben möchte, begründet ihren Schritt so: »Der Punkt, an dem ich mir sagte, das ist nicht mehr der Ort meiner Überzeugung, war ein Zeitungsartikel. Darin verurteilte unser Bischof (Tebartz-van Elst) die Arbeit von Donum Vitae auf Schärfste. Er stellte die engagierten Mitarbeiterinnen auf eine Stufe mit Mörderinnen!« An dieser Stelle sei ihr als kritischer Christin nur der Austritt als letzte Konsequenz geblieben.
Die Kirche schneidet sich selbst ihre Wurzeln ab
Die infame Verfolgung von Donum Vitae offenbart dreierlei: Die meisten Bischöfe wollen keine Pluralität innerhalb der Kirche. Sie bedenken nicht, dass »die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses nicht nur von der Eindeutigkeit … abhängt, sondern ganz entscheidend davon, dass und wie in der katholischen Kirche Gemeinschaft und christliche Freiheit sich nicht ausschließen, sondern unlösbar zusammengehören« (Kirchenrechtlerin Sabine Demel). Zweitens sind etliche Bischöfe, zum Beispiel der Mainzer Kardinal Karl Lehmann oder Franz Kamphaus, entgegen ihrer eigenen Gewissensentscheidung auf päpstliche Anweisung aus dem staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung ausgestiegen. Macht, Diktat und zentralkirchliche Lenkung haben über die Gewissensentscheidung des Einzelnen gesiegt. Welchen Wert hat vor diesem Hintergrund noch die Rede vom Gewissen? Drittens wurden mit dem Machtspruch aus Rom das Episkopat und die Ortskirche de facto entmachtet - entgegen einer Grundaussage des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Am schlimmsten aber ist: Eine Kirche, die um der angeblichen Eindeutigkeit ihres Zeugnisses willen derart ehrabschneidend mit andersdenkenden Menschen umgeht, die ebenfalls ungeborenes Leben retten möchten und sich seit Jahren in der Kirche engagieren, schneidet sich selbst ihre Wurzeln ab, ihre Basis und ihr Fundament.
