Und am Ende wartet der Himmel?
Ob es nach dem irdischen Leben ein »Ankommen bei Gott« geben wird? Was Christen über Jahrhunderte fest in ihre Glaubenswelt integriert hatten, ist unter »modernen Denkbedingungen«, wie Magnus Striet es formuliert, nicht mehr selbstverständlich. Sich überhaupt für die Existenz Gottes zu entscheiden und ein »Du« anzunehmen, dem man sich in allen Situationen des Lebens anvertrauen kann, setzt Vertrauen und Bereitschaft voraus. Warum aber wollen wir dann in den Himmel kommen? Ist die Beziehung zu Gott nicht ganz irdisch? Ist das Christentum nicht einen Religion, die sich auf das Hier und Jetzt konzentriert?
Über diese Fragen debattierten die Theologen Andreas Benk und Magnus Striet in zwei aufeinander folgenden Ausgaben von Publik-Forum. Sie lösten damit eine Debatte auch unter den Leserinnen und Lesern von Publik-Forum aus.
Lesen Sie im Folgenden Auszüge aus den Reaktionen – und debattieren Sie selbst mit! Wie das geht? Schreiben Sie einfach, was Sie selbst zum Thema denken und klicken Sie auf »Absenden« – direkt am Ende dieses Artikels!
Geht Christsein ohne Jenseitsglaube? Was Publik-Forum-Leser sagen
»Tot sein heißt, der Geist geht zu Gott und der Leib bleibt auf der Erde. Wenn Jesus am Kreuz sagt: »Es ist vollbracht!«, so heißt das: Ich kann geistig wie Gott alle Zeit unter den Menschen sein und mich offenbaren. Diese Offenbarung schafft Gerechtigkeit. Mein Mann war von klein an durch Kinderlähmung leicht behindert. In meinen Träumen, in denen ich ihn jetzt öfter sehe, hat er keinerlei Behinderung! Das kann man Gerechtigkeit nennen: Im Jenseits sind alle gleich.« Walburga Kern, Germering
»Vielen Dank für den klaren, treffenden Artikel von Andreas Benk, der das Zentrum des jesuanischen Christentums aufzeigt. Würde doch in den Kirchen davon mehr die Rede sein, dann wäre die Kirchenflucht geringer und das Verständnis fürs Christentum größer. Es gäbe noch viele weitere Argumente für das diesseitige Christentum, wenn man nicht den Apokalyptiker Paulus zum Maßstab des Glaubens gemacht hätte. So zementiert auch das traditionelle, apostolische Glaubensbekenntnis einen am Jenseits ausgerichteten, unverbindlichen, den Verstand leugnenden Glauben, anstatt uns zu ermutigen, mit Jesus zu glauben und in seinem Sinn zu leben.« Dietmar Stoller, Lindau
»Der Theologe Magnus Striet verteidigt die Hoffnung auf ein Jenseits. Der Theologe Hubertus Halbfas ordnet ein: »Jesus sprach in allem vom Reich Gottes; die Theologie des Paulus dagegen ist ohne Reich-Gottes-Programm. Es ist der Wechsel von der nicht bestreitbaren Wahrheit eines gelebten Lebens zu der stets bestreitbaren Wahrheit eines theologischen Lehrsystems.« Mit Andreas Benks Kernaussage: »Die Pointe christlicher Hoffnung ist radikale Umkehrung ungerechter Verhältnisse, nicht Vertröstung auf ein Jenseits«, schließt sich der Kreis zur radikalen Kapitalismuskritik von Papst Franziskus. Ich versuche mich vor allem immer wieder daran zu erinnern: Jesus hatte radikales Vertrauen, dass der Vater im Diesseits liebend »wirkt« und die menschliche Gesellschaft als »Reich Gottes« funktionieren kann.« Philipp Bockenheimer, Linden
»Bei aller Liebe zum diesseitig orientierten, tatendurstigen Christsein halte ich die Theologie des Herrn Benk für eine Engführung des Glaubens, die letztlich zu einem ethisch abgesonderten Reduktionismus führt. Der Trost, der unser irdisches Leben übersteigt, ist existentiell wichtig für Sein und Handeln in unserer Gesellschaft und Umwelt. Die Bibel gibt hierfür reichlich Nahrung, was Herr Benk leider verschweigt. Ich denke nur an den Römerbrief des Apostels Paulus oder die Visionen des Johannes in der Offenbarung, was ist da für eine Substanz! Ich halte es mit Ernst Bloch: Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Also werden wir erst.« Henning Hofmeister, Forchheim
»Der Artikel von Andreas Benk war längst überfällig. Wie hieß es im Glückwunschvers zum Namenstag, den wir als Kinder (Jahrgang 1924) lernten? »... und zuletzt den Himmel«. Dieser Jenseitsglaube tötet den Blick auf unsere grundlegende Lebensaufgabe, dem Leben zu dienen. Warum sollen und wollen wir in den Himmel kommen? Das ist religiöser Egoismus. Warum überlassen wir das, was nach unserem Tod kommt, nicht voll und ganz unserem Schöpfer, dem Herrgott?« Richard Steinhauser, Sigmarszell
»Ich sehe keinen Gegensatz zwischen dem Glauben an ein Jenseits und dem Engagement in dieser Welt. Das Jenseits beginnt ja schon jetzt, denn das Reich Gottes ist nicht hier oder dort, sondern in uns (Lukas 17, 21). Raum und Zeit sind bekanntlich nur relative Kategorien, die nicht für die Welt Gottes gelten. Ich bin überzeugt: Jeder Einsatz für die Menschen hat eine jenseitige Dimension.« Clemens Wilken, Bad Münstereifel
»Die Passagen zu Bonhoeffer in dem genannten Artikel von Andreas Benk scheinen mir doch sehr verkürzt zu sein. Ich habe mich schon oft gefragt, wie Bonhoeffers letzte Worte zu verstehen sind, die er in Flossenbürg gesagt hat, kurz bevor er die Richtstätte betrat: »Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.« Gerade er, der unser Christsein so auf das Diesseits ausgerichtet hat, spricht hier ganz »jenseitig«. Ganz gewiss hat er mit Nietzsche das Diesseits gepriesen, aber hat er darob das Jenseits geleugnet?« Rudolf Krause, Halberstadt
»Als betagter Theologe, der vor seinem Tod steht, habe ich von einer »Erwiderung« auf den soliden, überzeugenden Beitrag von Andreas Benk einen ebensolchen argumentativen Artikel zur Auferweckungshoffnung erwartet – und bin auch nach gründlicher Lektüre von Magnus Striets Ausführungen enttäuscht. Aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit kam die Hoffnung auf, dass Märtyrer (und damit auch Jesus und seine Nachfolgerschaft) »nicht in der Namenlosigkeit des Nichts verschwinden«, sondern in den »Himmel als den Inbegriff des Glücks« kämen. Aber ob dieser allmächtige Gott existiert oder nicht und damit die Lebenswette garantieren kann oder nicht, wissen wir nicht. Soweit die »Erwiderung«. Ich habe nicht einen Rückgriff auf Heinrich Heine erwartet, sondern eine substanzielle Darlegung, was unter Auferweckung zu verstehen ist und wie sich diese an einem konstitutiv (!) geschöpflichen, damit wesenhaft (!) endlichen Menschen realisieren kann. Der Mensch ist vom Wesen her Leib und Seele, aber auch Gemeinschaft – ohne diese drei und die entsprechende biographische Prägung kann er in einem Jenseits nicht glücklich sein. Was am Menschen übersteht den Abgrund, wenn auch die Person oder die Persönlichkeit wesenhaft endlich und begrenzt ist? Wie vollzieht sich das Zusammenleben unendlich vieler verschiedenartiger Menschen in einem Jenseits? Ist nicht selbst ein Allmächtiger begrenzt durch die wesentlichen Realitäten seiner Geschöpfe? Ist der Mensch noch Mensch, wenn er »wie Gott« unsterblich wird? Auf solche Fragen hätte ich gerne eine argumentative Antwort gehabt.« Roland Hinnen, CH-Therwil
»Die Formulierung von Markus Striet »Ein Gott, der noch Möglichkeit hat« ist interessant – auch wenn die nachfolgende Interpretation vom »allmächtigen Gott« mir allzu missverständlich erscheint. Gott hat nur Möglichkeit, wenn wir Menschen sie ihm geben, indem wir in der Tat an ihn glauben – also anders leben, als es Erasmus von Rotterdam für seine Zeit (und nicht minder zutreffend für die Gegenwart) kritisiert hat. Diese Umkehr zu einer politischen Ordnung mit Zuerkennung der Menschenwürde unabhängig vom Füllgrad des Geldbeutels hat – als Aufgabe für Theologie und Journalismus – auch Heribert Prantl in derselben Ausgabe von Publik-Forum thematisiert.« Georg Lechner, A-Ternitz
»Speziell zu dem Beitrag von Andreas Benk, »Christsein ohne Jenseitsglaube«, möchte ich ein Zitat von meinem »Leib-und-Magen-Theologen« Paul Tillich beisteuern. Er schreibt: »Die Dynamik der Liebe und die Form der Gerechtigkeit bedingen einander. Wenn man unter ›Liebe‹ diejenige universale Dynamik des Lebens versteht, die zur Wiedervereinigung des Getrennten hindrängt, dann kann ›Gerechtigkeit‹ verstanden werden als Form, in der sich die Wiedervereinigung vollzieht. Diese Idee der Gerechtigkeit transzendiert die Idee der proportionalen Gerechtigkeit, die nach quantitativem Maßstab straft und belohnt. Sie ist schöpferische Gerechtigkeit, die verwandelt, indem sie das Unannehmbare annimmt. Und schöpferische Gerechtigkeit ist Liebe.«« Hartwig Lohmann, Kellinghusen
»Striet plädiert für einen »allmächtigen Gott«. Er sagt: »Ob er existiert oder nicht, ist unter modernen Denkbedingungen nicht zu entscheiden. Möglich aber ist dies. Warum dann nicht die Lebenswette auf diesen Gott eingehen ...? Wenn man es kann.« Sich unter »modernen Denkbedingungen« für die Existenz Gottes zu entscheiden setzt aber meines Erachtens voraus, »Gott« unter diesen Bedingungen überhaupt erst einmal neu zu denken. Das tradierte Gottesbild ist kraftlos und blass geworden. Gott scheint den Bezug zur Wirklichkeit verloren zu haben. Er »wohnt überm Sternenzelt« im Himmel, weit weg von den Menschen. Außerhalb der Kirchen kommt er kaum noch vor. Man hat sich längst ohne ihn arrangiert ... Einen Versuch, Gott aus der Natur heraus neu zu denken, hat vor Jahren der Freiburger Religionsphilosoph Bernhard Welte (1906-1983) vorgelegt. Ausgangspunkt ist die schlichte Feststellung: Es gibt in dieser Welt »etwas«, das da ist. Daran entzündet sich die Frage: Warum ist das so? In dieser Warum-Frage, so meint Welte, offenbart sich schon das menschliche Verlangen, den Dingen auf den Grund zu gehen und nach ihrer letzten Begründbarkeit zu fragen. Jedes Warum, das erklärt werden konnte, wirft neue Rätsel und neue Fragen auf. Hier kann es dazu kommen, dass ein »Umschlag des Fragens« eintritt. Wir erkennen, »dass nun nicht mehr dies und jenes Einzelne fraglich ist, vielmehr alles in einem«. Die Frage lautet jetzt: »Hat überhaupt alles, was ist, einen Sinn und einen Grund?« Und: »Habe ich selbst einen Sinn, einen Grund?« Damit gelangt das Denken »über alles das hinaus, was ›ist‹, denn nun fragt das Dasein ja gerade danach, warum überhaupt etwas ist«. Mit dieser Frage tritt das Denken ins Unendliche ... Welte berührt hier das Gott-Denken des jüdischen Philosophen Baruch Spinoza (1632-1677) – das bei zahlreichen Theologen heute immer mehr Anklang findet. Es wird als »Pantheismus« bezeichnet, weil seine Anhänger von der Welt so fasziniert sind, dass sie glauben, Gott und Schöpfung seien eines Wesens. Dieses pantheistische Denken wird in einer nicht unwesentlich veränderten Form aufgenommen – als »Pan-en-theismus« (alles Seiende ist in Gott einbegriffen). Alles im Universum ist (An-)Teil Gottes, aber Gott ist mehr als das Universum ... In diesen neuen »Denk-Rahmen« von Gott lässt sich nun auch eine Vorstellung vom »Jenseits« einbetten, die – vielleicht – auch unter »modernen Denkbedingungen« Akzeptanz finden könnte.« Norbert Scholl, Wilhelmsfeld
