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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Spiritualität erwächst in der Ohnmacht

von Fanny Dethloff vom 15.05.2019
Not aushalten: Erfahrungen einer Klinik- und Notfallseelsorgerin
Wo ist Gott? Wenn das eigene Kind stirbt oder die Ehefrau bei einem Unfall und das bisherige Leben sich radikal ändert? Notfallseelsorgerin Fanny Dethloff berichtet von ihren Erfahrungen an den Ohnmachtsorten des Lebens, und wie sie den Betroffenen hilft, neuen Sinn zu finden  (Foto: pa/MITO images)
Wo ist Gott? Wenn das eigene Kind stirbt oder die Ehefrau bei einem Unfall und das bisherige Leben sich radikal ändert? Notfallseelsorgerin Fanny Dethloff berichtet von ihren Erfahrungen an den Ohnmachtsorten des Lebens, und wie sie den Betroffenen hilft, neuen Sinn zu finden (Foto: pa/MITO images)

Der Mann vor mir stottert etwas. Er ist blass und was er sagen möchte, braucht seine Zeit. Bei einem Unfall kam seine Frau ums Leben. Er ist gefahren. Ihm ist nichts passiert. Seine Erstarrung ist sichtbar. Gleichzeitig ist er fahrig und unruhig, leidet an Wortfindungsstörungen, Unruhe, Schlaflosigkeit. Das Gehirn läuft größtenteils übers Stammhirn, der Adrenalinspiegel ist hoch. Man nennt es Schock. Normaler Zustand bei einer anomalen Lebenslage – Überlebensprogramm. Er möchte den Hergang schildern, was er noch weiß. Mühsam sucht er nach Worten. Mit Glauben hat er nichts am Hut, sagt er. Aus der Kirche ist er längst ausgetreten.

Vorsichtig erkläre ich ihm, was mit ihm los ist. Dass es Zeit braucht. Dass er sich bewegen sollte, um das Adrenalin abzubauen. Wenn er es schafft, sollte er alles aufschreiben, was durch seinen Kopf geht. Immer, wenn er nachts aufwacht oder es nicht mehr auszuhalten meint. Einfach drauflos, ohne es noch einmal im Anschluss durchzulesen – möglichst mit dem Datum versehen. In drei Tagen werden wir uns wiedersehen.

Es wird dauern. Mir fällt ein: »Am Anfang war das Wort …« (Johannesevangelium 1,1). Meine Assoziation kann ich ihm jetzt noch nicht zumuten. Aber für mich ist es so: Es sind diese ersten gestotterten Worte in der Ohnmacht, für die ich dankbar bin. Etwas kommt wieder ins Fließen. Wenn auch noch lange nicht in einen Sinn.

Ich bin Notfallseelsorgerin. In der Klinik arbeite ich mit Kranken, Sterbenden und Überlebenden. Ich suche Ohnmachtsorte auf. Um die mit auszuhalten, braucht es einen Halt. Und die Hoffnung, den Glauben, dass es etwas gibt, was einen hält, stärker als alles Unglück zusammen. Halt und Haltung, Stressabbau, das unterrichte ich

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