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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Kunstvolle Kreuze unter der Haut

von Agnes Fazekas vom 10.05.2019
In der Altstadt von Jerusalem tätowiert der palästinensische Christ Wassim Razzouk Glaubensbekenntnisse

Nicht weit hinter dem Jaffa-Tor im christlichen Viertel der Altstadt von Jerusalem windet sich eine Gasse zur Grabeskirche: Hier schleusen findige Guides ihre Pilgergruppen am Gewühl aus Händlern und Touristen vorbei, hier singen Kinder hinter dem Tor der Mädchenschule von Saint Joseph; hier hat schnell mal wer seinen Karren mit Sesamkringeln abgestellt – und hier parkt die wuchtige Harley Davidson des Tätowierers Wassim Razzouk.

Still ist es im Atelier des alten Schneiders gegenüber, der nur noch aus Gewohnheit täglich eine halbe Stunde arbeitet. Ruhe herrscht auch im Geschäft mit den schweren Silberkreuzen in der Auslage, wie sie die griechisch-orthodoxen Priester tragen. Nur aus dem winzigen Tatoo-Laden dazwischen dringt ein sonores Summen.

Im Séparée hat eine 45-jährige Polin zwei Näpfchen mit Farbe auf den Unterarm geklebt und wartet auf den Schmerz. Es ist ein Höhepunkt ihrer Pilgerreise. Und es ist ihr erstes Tattoo. Das Motiv hat sie sich schon zu Hause im Internet ausgesucht. Den Klassiker: ein Jerusalemkreuz, in dessen vier Winkeln jeweils ein weiteres Kreuzchen sitzt, die fünf Wunden Christi, darüber das Wort »Liebe«, auf Arabisch.

Wassim Razzouk malt der Pilgerin das Kreuz unter die Haut, so wie es ihn sein Vater Anton lehrte, der es von Großvater Yacoub gelernt hatte, dem Urgroßvater Jirius zeigte, wie tief man die Nadel führen muss. Auf 27 Generationen zählt der 44-jährige Wassim das Familienhandwerk zurück, 700 Jahre Nadelkunst. Keine Viertelstunde später tritt die Polin mit Pflaster am Arm durch die Tür. Eine unauslöschbare Erinnerung nimmt sie mit, ein paar Tropfen Blut lässt sie da, beinahe wie seinerzeit Jesus.

Der Mann, dem die wuchtige cremefarbene Harley vor dem Laden gehört, gabelt hastig sein Mittagessen aus der Tupperbox. Die Stechwilligen sind seine Stechuhr. Selten weist er jemanden ab. Häufig hilft ihm seine Frau Gabriella oder der 15-jährige Sohn. Zu Ostern bestellt Wassim Kollegen aus Frankreich oder den USA dazu, dann brummen drei Maschinen, und keiner kann sich noch rühren im kleinen Laden.

Die älteste Kundin war 101 Jahre

Nicht immer war das Geschäft so lukrativ. Wassims Vater tätowierte maximal 300 Kunden im Jahr. Der Großvater arbeitete hauptberuflich als Sargschreiner tief drin im Labyrinth der Gassen. Ein Schild »Tattoo with Colour« verwies auf

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