Papst Franziskus: Das Programm
Rund 90 der insgesamt 115 Papstwähler haben Jorge Mario Bergoglio im fünften Wahlgang in der Sixtinischen Kapelle am 13. März ihre Stimme gegeben. Dies ist eine große Mehrheit. Größer als sie 2005 der bayerische Papst Benedikt XVI. erhalten hatte.
Bergoglio wirkt durch sein Auftreten als ein Revolutionär für die einfache Kirche der Armen, Kleingemachten und Ausgegrenzten. Wussten die insgesamt als konservativ geltenden Kardinäle, wen sie da wählten? Ja, sie wussten es.
Eine kernige Fünf-Minuten-Rede
Denn Bergoglio hatte im Vorkonklave eine kernige Fünf-Minuten-Rede gehalten und darin die nötige Wende der katholischen Weltkirche nach dem Krisenpapst Ratzinger klar beschrieben. Zu Ostern wird diese Rede als Grundsatzprogramm von Papst Franziskus veröffentlicht – nicht im päpstlichen Organ Osservatore Romano, der FAZ oder der New York Times sondern in »La Palabra Nueva« (»Das neue Wort«), der sehr bescheiden aufgemachten Kirchenzeitung von Havanna, der Hauptstadt Kubas.
Franziskus erlaubte seinem theologischen Freund, dem in der Vergangenheit nicht selten vom kommunistischen Regime attackierten, kubanischen Kardinal Jaime Ortega, in seiner Bistumszeitung die Grundsatzrede – die die Kardinäle Anfang März allesamt gehört hatten – zu veröffentlichen. Trotz dieser Ankündigung der Kirchenwende oder dank dieses revolutionären Programms haben sie Franziskus ins Papstamt gewählt.
Franziskus bricht mit dem ängstlichen Kurs des Selbstbehalts und der Abwehr, den der persönlich integre deutsche Wissenschaftler Benedikt XVI. als Papst vertreten hatte. Franziskus kritisiert scharf – mit einem Begriff des französischen Konzilstheologen Henri de Lubac – die »klerikale Mondänität«, die »kirchliche Selbstbezogenheit« und einen »theologischen Narzissmus«.
Der nostalgische Pomp hatte gewuchert unter Benedikt: Mit den vielen, jungen Soutanenträgern in Rom, mit Purpur-versessenen Prälaten und Hilfsprälaten, mit Ehrentiteln aus feudaler Vergangenheit – die Papst Benedikt XVI. wieder belebte. Sehr zum Vergnügen ewiggestriger Freunde der vorkonziliaren lateinischen Messe, wie der von Ratzinger hofierten Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, Philosophen wie Robert Spaemann, Feuilletonkatholiken in der FAZ oder Schriftstellern wie dem Frankfurter Martin Mosebach.
Die Kirche soll »an den Rand der Gesellschaft« gehen
Franziskus fordert seine Kirche auf, an den Rand der Gesellschaft, zu den Ausgestoßenen und Armen zu gehen, ohne Furcht, und an der »Peripherie« (er zitiert einen Kernbegriff aus der Befreiungstheologie) das Evangelium als befreiende Botschaft zu verkünden. Dies sei die hauptsächliche Aufgabe der Kirche, wichtiger als alles andere.
Eine Kirche, die dies nicht tue, »kreist um sich selbst und wird krank«. »Die Übel, die sich im Lauf der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzeln in dieser Selbstbezogenheit«, so die Wahlrede von Bergoglio, dem heutigen Papst Franziskus: »Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus.« Eine egozentrische Kirche beanspruche »Jesus für sich drinnen« und lasse »ihn nicht nach draußen treten«. Man müsse nun entscheiden zwischen zwei Kirchenbildern: »Der verkündenden Kirche, die aus sich selbst hinausgeht«, und »der mondänen Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt«.
Päpstlicher Nuntius kritisiert deutsche Bischöfe
Die Wahl- und Grundsatzrede steht in Übereinstimmung mit den Zeichen der Einfachheit, die Papst Franziskus selbstbewusst bislang setzte. Diese Zeichen wirken: Der päpstliche Nuntius in Berlin, Erzbischof Claude Perisset, kritisiert die »Mercedes-Limousinen« und das Auftreten vieler deutschen Bischöfe. Kardinal Bergoglio flog vom fernen Buenos Aires stets in der Touristenklasse nach Rom – fliegen deutsche Oberhirten irgendwohin, buchen sie zumeist deutlich luxuriöser. Münchens Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, kritisiert neuerdings das »Hofstaat-Gehabe« der Kurie in Rom. So deutlich hatte Marx unter dem bayerischen Vorgängerpapst noch nicht formuliert.
Franziskus Aufruf, zu den Leuten zu gehen und das Evangelium zu verkünden, steht im Gegensatz zur Wahlrede, die Kardinal Ratzinger, der spätere Benedikt XVI., vor dem Konklave im April 2005 gehalten hatte: Ratzinger schilderte die Kirche als ein bedrohtes Schifflein im Sturm, das die ruhige, feste Hand des Steuermannes benötige. Er bot sich als Steuermann an – und wurde zum Papst gewählt.
Der Papst zeigt Mut
Franziskus Linie ist nicht defensiv und depressiv wie die Ratzingers. Sie ist offen und optimistisch – und riskiert viel. Denn sie verzichtet auf institutionelle Sicherheiten und machtpolitisches Gehabe. Sie sieht sich nicht von Feinden umzingelt, etwa von der – von Ratzinger gebetsmühlenartig beschworenen – drohenden »Diktatur des Relativismus«. Sie setzt auf die Überzeugungskraft des Evangeliums.
Zuweilen ist vom »Heiligen Geist« bei der Papstwahl die Rede – trotz der vielerlei Machenschaften, die den Wahlprozess begleiten. Heiliger Geist? Die – allesamt von den konservativen Päpsten Wojtyla und Ratzinger kreierten – Kardinäle haben mit Franziskus einen frommen Revolutionär zum Papst gewählt. Das war keineswegs zu erwarten. Das ist – für Gläubige wie für Ungläubige – sehr erstaunlich.
Unser Vatikanexperte Thomas Seiterich hat dem Südwestfunk ein Interview zur Programmrede des neuen Papstes gegeben. Sie können es hier anhören.
