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Kirchentag? Nicht meins

von Zoë Beck vom 20.06.2019
»Das Wort Kirchentag triggert bei mir Gedanken an die furchteinflößende Strenge und Kälte, die die Gebäude der reformierten Kirche auszeichnet. An die Angst vor dem lieben Gott, von dem meine Mutter nichts Liebes zu berichten wusste (… sieht alles! … straft alle!)«, sagt die Schriftstellerin Zoë Beck. »Aber es gibt eine Schnittmenge zwischen Menschen wie mir und denen, die zum Kirchentag gehen ...«
»Das Wort Kirchentag triggert bei mir Gedanken an die Angst vor dem lieben Gott, von dem meine Mutter nichts Liebes zu berichten wusste (… sieht alles! … straft alle!)«, sagt die Schriftstellerin Zoë Beck. (Foto: © www.zoebeck.blog / Victoria Tomaschko)
»Das Wort Kirchentag triggert bei mir Gedanken an die Angst vor dem lieben Gott, von dem meine Mutter nichts Liebes zu berichten wusste (… sieht alles! … straft alle!)«, sagt die Schriftstellerin Zoë Beck. (Foto: © www.zoebeck.blog / Victoria Tomaschko)

»... Da waren dann auch noch streng christlich erzogene Schulkameradinnen, deren Alltag vor allem aus Verboten zu bestehen schien (und die zu jedem Kirchentag fuhren). Kirchentag: Das erinnert mich an Biologielehrer, die keine Evolutionstheorie unterrichten wollten (nein, nicht in den USA, in Mittelhessen). Das erinnert mich an die patriarchalen Machtstrukturen der Institution Kirche, paternalistische Missionare, totgeschwiegene Missbrauchsfälle in christlichen Vorzeigefamilien, schließlich an Seminare mit Themen wie »Wege aus der Homosexualität«. Und wie war das doch gleich mit den »Lebensschützern«, die Ärztinnen wie Kristina Hänel drangsalieren, weil sie Frauen in extrem schwierigen Lebenssituationen hilft?

Ich denke an so vieles, was mich zurückschrecken lässt, sobald ich »Kirche« höre. Wie aufrichtig sind die Gebete, die da gesprochen werden? Und was ist dann, wenn sie bei diesem »lieben Gott« landen, der alles sieht und alle straft?

Die andere Position in mir kommt mühsam hinterher, über den Kopf, und muss sich ihren Weg durch das Getöse bahnen. Vielleicht kommt sie über meinen Vater, der sinngemäß sagt: »Ich hab zwar nichts mit denen am Hut, aber die tun eine Menge Gutes, also trete ich nicht aus.« Er meint damit die durch christliche Organisationen unterstützte oder ermöglichte Care-Arbeit in so vielen Bereichen. Ich diskutiere dann nicht mit ihm darüber, wie viele (vor allem) Frauen durch ihren ehrenamtlichen, also keineswegs kirchensteuerlich finanzierten Einsatz das Meiste davon erst möglich machen. Weil er irgendwo recht hat, aber da muss ich mich immer erst hindenken. Dass die Kirchen sich für Geflüchtete einsetzen, um Obdachlose kümmern, den Gedanken an ein friedliches Miteinander hochhalten. So als Überschrift wollen die Kirchen ja dann doch den Frieden (an dieser Stelle darf ich nicht historisch denken), und also muss ich ihnen strukturell und institutionell die Bereitwilligkeit der Weiterentwicklung in ihren Positionen zugestehen.

Woher diese Weiterentwicklung kommt, von oben oder von unten – in Dortmund jetzt von den Laien, die den Kirchentag letztlich organisieren, wenn ich alles richtig verstanden habe –, muss sich von Fall zu Fall zeigen. Aber ein Blick in das diesjährige Programm des Kirchentags vermittelt mir zumindest die Hoffnung, dass da breit und tief diskutiert wird, über Glaubensgrenzen hinaus. Natürlich weiß ich nicht um die einzelnen Positionen der geladenen Gäste, nicht bei zweitausend Veranstaltungen, aber was ich bisher las, las sich nach einer offenen Haltung. Künstliche Intelligenz wird thematisiert. Feministische Positionen. Jüdische und muslimische Perspektiven. Ich bin gespannt zu hören, mit welchen Ergebnissen.

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Und genau da möchte ich den Kirchentag sehen, ebenso wie die Institution Kirche: mit offenem Blick auf Gegenwart und Zukunft gerichtet, mit Akzeptanz und Liebe auch für uns, die wir uns mit diesen Strukturen und Glaubenssätzen schwertun. Weil wir für eine vielfältige, bunte Gesellschaft stehen. Weil wir ein nicht-konservatives Familienverständnis haben. Weil wir an naturwissenschaftliche Forschung glauben. Weil wir Frauen sind. Frauen, die genauso gehört werden wollen wie Männer, und die außerdem selbst entscheiden wollen, mit wem sie schlafen und ob sie Kinder bekommen.

Es gibt ja eine Schnittmenge zwischen Menschen wie mir und denjenigen, die zum Kirchentag gehen. Diese Schnittmenge ist vielleicht gar nicht so klein, wie ich manchmal fürchte.

Wenn da nicht all diese Gedanken und Empfindungen wären, die immer gleich als erstes kommen, sobald es um »die Kirche« geht …«

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