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Katholikentag
Im Geist des Aufstehens

Würzburg 2026 war ein Glaubensfest des entschlossenen Widerstands gegen Zukunftsangst und Defätismus. Eine fröhliche Selbstvergewisserung – und gleichzeitig recht unbequem. Ein Kommentar.
von Paul Kreiner vom 17.05.2026
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Beim Abschlussgottesdienst des Katholikentags auf dem Würzburger Residenzplatz kam endlich auch mal die Sonne raus. (Foto: © 2026 Deutscher Katholikentag/Katharina Gebauer)
Beim Abschlussgottesdienst des Katholikentags auf dem Würzburger Residenzplatz kam endlich auch mal die Sonne raus. (Foto: © 2026 Deutscher Katholikentag/Katharina Gebauer)

Hab Mut, steh auf!« Ein passenderes Motto hätte der Katholikentag diesmal gar nicht wählen können. Zum einen hat sich der Aufruf aus dem Markus-Evangelium als perfekt slogan-tauglich erwiesen. Er ließ sich überall unverkrampft einführen; präsent war er in wohl jeder der 900 Veranstaltungen. Zum anderen hatte er nicht nur Appell-Charakter. Er gab – wenn auch weit im voraus ersonnen – den Geist des Treffens selbst präzise wieder.

Der Katholikentag 2026 war laut Zentralkomitee der deutschen Katholiken mit 23.000 Dauerkarten, 11.000 Tagestickets, viel »Laufkundschaft« und Internet-Teilnehmern nicht nur der größte seiner Art seit 2018. Nicht nur das. Er war mehr: ein Glaubensfest des entschlossenen Widerstands: gegen den Defätismus einer Zeit, in der sich sonst – wie es bei einem Podium hieß – »alle Zukunfts-Themen als Bedrohungs-Themen« darstellen. In seinen politischen Aspekten war er eine unzweideutige Kundgebung gegen die Zerstörung der Demokratie, wie sie vom rechten Rand des Parteienspektrums systematisch betrieben wird. Die AfD war in Würzburg nicht präsent, weder als Eingeladene noch als Störer oder mit Unterwanderungsversuchen. Aber sie war da, die ganzen Tage. In den Köpfen. Als der Gefährder schlechthin, gegen den sich alle zusammenschlossen.

Würzburg 2026 – das hat sich auch als Zukunftsbeschreibung für die Rolle der Kirche(n) erwiesen. Viel war die Rede von deren unterschwellig bleibender Integrationskraft, selbst bei drastisch sinkenden Mitgliederzahlen. Oder auch – vor allem auf Seiten anwesender Bischöfe – von der Hoffnung, in eine solche, endlich wieder bedeutendere Rolle hineinzuwachsen. Wer anders als die Kirchen, so sagte es auch Oberbürgermeister Martin Heilig (Grüne), könnte heute noch so ein Fest organisieren, das alle Lebensbereiche zusammenbinde: Gesellschaft, Kultur, ernsthafte, respektvolle politische Diskussionen, ethische Fragen, fröhliches Miteinander – und das alles vor dem großen Horizont der wahren Bestimmung des Menschen, der Transzendenz, vor dem Horizont Gottes?

Kirche, so hieß es Würzburg allenthalben, könne Räume eröffnen, wo andere Türen zuschlagen. Räume aus Stein gibt’s dafür mehr als genug, und schon sie allein haben ihre Wirkung. Der Linken-Politiker Bodo Ramelow berichtete, wie selbst im radikal religionslosen Osten leerstehende Kirchengebäude als Orte übergreifender Identifikation nicht nur für die Optik erhalten, sondern zum Teil von örtlichen, lager-übergreifenden Bündnissen wiederbelebt würden. Vertrauen schaffen in einer immer misstrauischeren Gesellschaft, auch das wurde zu Recht als Aufgabe der Kirchen beschrieben. Viel Lob erhielt das evangelische Konzept der »Verständigungsorte«, wo gepflegt diskutiert werde, auch mit Rechtsextremen, ohne dass diese – weil Vertraulichkeit die Grundregel solcher Gespräche ist – eine öffentliche Bühne bekämen. Und mit der gewissermaßen selbstverwalteten »Demokratiekirche« hat der Katholikentag in Würzburg vorgemacht, wie das in kleinen Runden gehen könnte – die ja immer auch davon leben, dass die Beteiligten sich direkt in die Augen schauen und es danach, idealerweise, auch noch tun können.

»Die Kirchen« sollten doch... Mehr für den Klimaschutz tun. »Die Kirchen« sollten mehr tun gegen dies und jenes. So hieß es bei (recht kleinen) Demonstrationen am Rande des Katholikentags. Drinnen gab’s aber auch die mahnende Erinnerung, dass die Teilnehmenden selber, alle, Kirche seien. Eindringlich wurde der Unterschied zu Parteien, Gewerkschaften, Verbänden markiert: In der Kirche müsse niemand auf Anordnungen von oben oder eine Mobilisierung seitens der jeweiligen Führungsgremien warten: Jede und jeder könne, solle, müsse losgehen und sich engagieren.

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Wer in Würzburg die Vielfalt ehrenamtlicher Tätigkeit sehen konnte – und das war ja nur ein Bruchteil –, dem muss da nicht bange werden. Und wer vor einem Ehren-»Amt« zurückschreckt, weil das gleich wieder nach unzumutbarer Selbstverpflichtung klingt, bekam die Ermutigung mit auf den Weg, schon ein Gespräch am Gartenzaun könne schon allein menschlich helfen – in einer Zeit, in der viele klagen, »nicht mehr gehört« zu werden, und dann ins extreme Lager abrutschen.

Allerdings: der Katholikentag ist in die Jahre gekommen. Das Publikum trägt weit mehrheitlich graues Haar, die Jugend geht andere Wege. Veranstaltungen wie diese schaffen Selbstvergewisserung unter Gleichgesinnten. Sie tragen allerdings die genauso bequeme Versuchung in sich, die »Arbeit« auf die nachfolgende Generation abzuwälzen. Umso brutaler schlug da die Mahnung eines Soziologen ein, der – in diesem Fall zum Erstarken des Rechtsextremismus – sagte: »Wir können nur Teil der Lösung sein, wenn wir uns als Teil des Problems begreifen.«

Anwenden ließe sich dieser Satz genauso gut auf Innerkatholisches: Wer die eigene Rolle beim »Retten« der Demokratie wachsen sieht, wie Bischof Georg Bätzing es tat, muss sich noch umso stärker die Frage gefallen lassen, wie es um die Demokratie in der Kirche selbst bestellt ist. Oder bei der Gleichberechtigung von Frauen. Die beliebteste Ausrede in Deutschland ist, dass »Rom bremst«. Sie ist wohlfeil, stimmt aber nicht automatisch. Bequemlichkeit also geht anders, auch das hat der Katholikentag gezeigt, der sich nicht einmal vom kalten Regenwetter seine innere Fröhlichkeit nehmen ließ.

Und dann wurde auch noch deutlich, wie bequem es sich »die Strukturen« – wie man das in Würzburg schön anonym nannte – bisher machen. Längst wäre es notwendig und angebracht, christliche Treffen wie dieses ökumenisch zu veranstalten. Die Probleme sind allen Konfessionen gemeinsam, die Aufgaben auch; die Grundlage ist die eine, allen gemeinsame Bibel. Nur haben »die Strukturen« schon bis ins Jahr xy ihre separaten Kirchen- und Katholikentage geplant; diese stehen nun offenbar so fest wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. Hier müssten die Konfessionen, was sie als ihre Aufgabe für die »Gesellschaft draußen« ansehen, endlich auch unter sich organisieren: Verständigung. Im höheren Interesse. Vor dem »großen Horizont«.

»Hab Mut, steh auf!« Der Aufruf ist universal; er richtet sich an alle Seiten. Das Hintergründige an diesem Satz aus dem Markus-Evangelium ist, dass nicht – wie man leichthin vermuten könnte – Jesus ihn spricht. Es ist das, was »die Umstehenden« dem blinden Bettler vor Jericho sagen, der geheilt werden will. Mut zusprechen ist also Sache von allen, und nur wer sich zum Aufstehen bewegen lässt, wird auch geheilt.

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