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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
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Gott suchen in Auschwitz?

von Anne Strotmann vom 10.03.2016
Eine Begegnung mit KZ-Überlebenden und Christen, die im Schatten des Lagers Exerzitien machen. Die Titelreportage im neuen Publik-Forum
Spurensuche hinter Stacheldraht: Ist Gott hier irgendwo? Oder ist er mit den Millionen von Toten an den Orten des Grauens gestorben? (Foto: epd/Zöllner)
Spurensuche hinter Stacheldraht: Ist Gott hier irgendwo? Oder ist er mit den Millionen von Toten an den Orten des Grauens gestorben? (Foto: epd/Zöllner)

Polen im Januar. Wenn man hinter dem Nebel die Sonne sehen könnte, stünde sie wohl tief. Das Thermometer zeigt Minusgrade. Ich stehe dort, wo vor 71 Jahren das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war. In meinem Rücken das riesige Mahnmal mit den Gedenktafeln. Ich sehe das Haupttor, die Gleise, die Ruinen der unzähligen Baracken, die Trümmer der Gaskammern und Krematorien. Ich, vierte Generation nach dem deutschen Massenmorden, bin zum ersten Mal dort. Und höre auf Deutsch: »Im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes …« Am Mahnmal steht eine Gruppe junger Menschen im Kreis, die Köpfe andächtig gesenkt. Gebetsformeln reihen sich aneinander. Das erschüttert mich. Das kilometerweite, ordentlich strukturierte Lager – Im Namen des Vaters? Wie können wir hier zu Gott reden, ein Gebet in der Sprache der Täter sprechen? Wenn es schon barbarisch ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, wie Adorno sagt, wie soll man dann beten? Als würde Gott sich davon rühren lassen? Müssten Täterkindeskinder nicht anders beten? Oder besser nur schweigen?

»Wir können in Auschwitz beten, weil auch in Auschwitz gebetet wurde«, schrieb der Theologe Johann Baptist Metz 1980. Dagegen der jüdische Dichter Paul Celan: »Polnische / Betfrösche mit / gefalteten / Dürerhänden / halbieren den letzten / Himmel.« Das Gedicht stammt aus dem Nachlass, er hat es nicht veröffentlicht.

Würden die, die hier stehen, selber Worte finden, würden sich ihre Gebete anders anhören. Etwa so: Mein Gott, warum kann ich kaum begreifen, wo ich stehe? Lieber Gott, warum fühle ich so wenig? Gott, warum kann ich meinen Mitmenschen kaum in die Augen schauen? Ach Gott – mein einziges Gebet ist mein Blick auf diese Ruinen.

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