Der Papst lobt die Liebe
Es ist schon unverfroren, ja es grenzt geradezu an Frechheit, wenn ausgerechnet die römische Kirche ein umfangreiches Buch mit »Die Freude der Liebe« (»Amoris Laetitia«) betitelt. Ausgerechnet jene mächtige Oberkirche, die die sexuelle Lust verteufelte, die für Sex das Unwort von der »ehelichen Pflicht« lehrte, deren Priester im Beichtstuhl die Eheleute in puncto Sechstes Gebot dreist ausfragten – sie preist nun in tausenden Worten die Liebe.
Tja, unter Papst Franziskus hat Rom einen beträchtlichen Sprung gemacht. Dieselbe Kirche, die noch meinen Großeltern und Eltern vorschrieb, wie sie miteinander zu schlafen hätten – in Missionarsstellung –,die will heute, da der gnadenlose globale Kapitalismus die Familien in den armen Ländern bedroht, zur mächtigen Helferin der Eheleute und der Liebenden werden.
2014 und 2015: Weltsynoden stritten um das heikle Thema
Franziskus hat aus den Weltbischofssynoden zu Ehe und Familie 2014 und 2015 ein dickes Buch gemacht. Er war nach seiner Wahl 2013 frisch und unerschrocken in das innerkirchlich heiße Thema Sex und Partnerschaft hineingesteuert – doch auf den zwei Synoden wurde er damit konfrontiert, dass sehr viele Bischöfe an der altüberkommenen Ehe- und Sexuallehre festhalten wollten, auf Biegen und Brechen. Da kam auch ein römischer Christus-Stellvertreter mit seinen Reformvisionen nicht durch.
Der Grund: Ein Pontifex ist innerhalb seiner katholischen Kirche nur sehr theoretisch ein allmächtiger Chef. Die innerkirchliche Hauptaufgabe des Papstes ist es, »den Verein zusammenzuhalten«. Und dies ist angesichts starker Fliehkräfte in Europa wie in Afrika enorm schwierig, ein Kraftakt. Dem entsprechend milde und moderat fällt Franziskus‘ Familien-Summary aus.
Die in Deutschland erhofften Reformen bleiben aus
Der Papst rüttelt nicht am Lehrgebäude. Doch er schafft in seinem Schreiben über Ehe und Familie erhebliche Freiräume für Gläubige und Geistliche. Die Reform der kirchlichen Vorschriften, wie sie viele aufgeschlossene Kirchenmitglieder vom Papst erhofft, Konservative jedoch befürchtet hatten, bleibt aus.
Gleichwohl bleibt nicht alles beim Alten. Das in der deutschen Fassung 185 Seiten starke Dokument ist kein Gesetzestext, sondern eine Gebrauchsanweisung für das Leben – und vor allem ein Appell zu mehr Barmherzigkeit, sowohl der Amtskirche wie auch der Gläubigen. Franziskus zeigt darin Wege, wie Seelsorger und Gläubige selbst zu verantwortlichen Entscheidungen in moralisch komplizierten Situationen gelangen können. Dabei bleibt er stets auf der Grundlage der geltenden kirchlichen Morallehre. Das letzte und entscheidende Wort müsse jedoch stets – typisch Franziskus! – vor allem moralischen Perfektionismus die Barmherzigkeit haben.
Gewissen schlägt Gehorsam
Weitere Kernelemente des Papstes – neben dem Vorrang der Barmherzigkeit – sind die Gewissensentscheidung des Einzelnen, das Prinzip der Güterabwägung sowie die eingehende Prüfung des vorliegenden Einzelfalls. Als Zuckerl für die innerkirchlich lauten konservativen macht Franziskus deutlich, dass er damit kein »Freifahrt-Ticket« für alle möglichen »Ausnahmen« ausstellen will. – Wer die pastorale Praxis in den Gemeinden kennt, weiß, dass dort meistenorts längst und erfreulicherweise all die behutsamen Öffnungen verwirklicht werden, die der Chef der römischen Kurie nun selbst schreibt.
Franziskus stärkt bei den Betroffenen das Gewicht ihres eigenen Gewissens. Seinen Seelsorgern gibt er den Auftrag, besonnen und barmherzig abzuwägen. Der Einzelne soll nicht mehr wie ehedem durch eine schematische Anwendung moralische Gesetze bevormundet werden. »Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, das Gewissen zu ersetzen«, heißt es zu Beginn von »Amoris Laetitia« – und darin steckt viel Selbstkritik an der Kleruskirche.
Franziskus erklärt: Leider tue sich die Kirche schwer, das Gewissen der Christen wirklich zu respektieren, die oftmals inmitten ihrer Zwänge, so gut es ihnen möglich ist, dem Evangelium folgen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen entwickeln in Lagen, in denen alle Schemata auseinanderbrechen. Solche Weite hat Franziskus, als er noch Jorge Bergoglio hieß, in den »Villas Miserias«, den von ihm frequentierten Armenvierteln von Buenos Aires, gelernt.
Und die wieder verheirateten Geschiedenen?
Zu Recht sieht der prominente Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner im Papstschreiben eine »wahrhaft pastorale Wende« und eine »Neuausrichtung der Seelsorge im Umkreis von Scheidung und Wiederheirat«. Franziskus schreibt, sie könnten »in gewissen Fällen« auch »die Hilfe der Sakramente« – m Klartext: die Kommunion – in Anspruch nehmen. Wenn der Papst nun beim Kommunion-Empfang von Geschiedenen den Gewissensentscheid der Betroffenen, das so genannte »Forum internum« ins Zentrum stellt, erweist sich der Papst als sehr modern. Die einzelnen sollen entscheiden, nicht ein übergeordneter Religionsprofi.
Wer leer ausgeht in »Amoris Laetitia«
Enttäuschung – wie aufgrund des Powerplays der homophoben afrikanischen Synodenbischöfe zu erwarten – für lesbische und schwule Katholiken: Auf sie geht Franziskus nur ganz kurz ein. Vielleicht ist es angesichts der brutalen verbalen Kämpfe im Weltepiskopat über das Thema Homosexualität besser, dass der Papst nicht mehr über Lesben und Schwule geschrieben hat? Franziskus bekräftigt, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht der Ehe angeglichen werden dürften, betont aber zugleich, dass auch solche Formen des Zusammenlebens den Menschen »einen gewissen Halt geben«.
Enttäuschte Reformbewegungen?
Auf Reformen Hoffende dürfte all dies, was »Amoris Laetitia« zu bieten hat, wenig erscheinen. Haben sie aus den für sie enttäuschend verlaufenen Weltbischofssynoden zu Ehe und Familie 2014 und 2015 gelernt? Immer noch verkennen viele Reformer häufig, dass sie sektorale Meinungen aus der westlich liberalen Welt vertreten. Und dieser Teil der römisch-katholischen Weltkirche ist bei Weitem nicht die Mehrheit – weder bei Weltbischofssynoden noch bei der Zahl der mittlerweile global rund 1,3 Milliarden Katholikinnen und Katholiken.
Papst Franziskus ist schon weiter: Kommenden Mittwoch besucht er gemeinsam mit Patriarch Bartholomaios die von der Europäischen Union abgewiesenen, verzweifelten Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos.
