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Lieber Bischof Oster …

Der Passauer Bischof Stefan Oster meint, dass die liberale Theologie Studierenden den Glauben verstellt. Unsere Autorin Anne Strotmann hat vor Kurzem ihr Studium abgeschlossen und ist da anderer Meinung. Ein offener Brief
von Anne Strotmann vom 29.03.2016
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Wollen liberale katholische Theologen ein »Gegenlehramt« zu Rom bilden? Das meint der Passauer Bischof Stefan Oster. Anne Strotmann, Volontärin bei Publik-Forum, widerspricht in einem offenen Brief (Fotos: pa/dpa/Peter Kneffel; Publik-Forum/Rheinheimer)
Wollen liberale katholische Theologen ein »Gegenlehramt« zu Rom bilden? Das meint der Passauer Bischof Stefan Oster. Anne Strotmann, Volontärin bei Publik-Forum, widerspricht in einem offenen Brief (Fotos: pa/dpa/Peter Kneffel; Publik-Forum/Rheinheimer)

Ich habe in den letzten Wochen verfolgt, wie ein alter Streit wieder neue Fahrt aufnimmt: Es geht um das Verhältnis zwischen bischöflichem Lehramt und akademischer Theologie. In der habe ich mich lange genug umgeschaut, um zu wissen: Es gibt immer noch fantastische Theologen und vor allem Theologinnen, die die kirchliche Lehrerlaubnis, das Nihil obstat, nie bekommen. Dabei sind es Menschen wie sie, die mir wieder Lust aufs Christsein gemacht haben. Bei der Erklärung sperriger Glaubensinhalte haben mir allein jene geholfen, denen Sie vorwerfen, sie hinderten Studierende daran, zu glauben.

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Ich finde es ebenso wie Sie nötig, dass Kirche unabhängig ist, etwas anderes als Gesellschaft und Volk. Dass sie den Mund aufmacht und an Positionen festhält. Darin sind wir uns einig. Aber die Behauptung, liberale Professoren wollten ein Gegenlehramt zu Rom bilden, halte ich doch für übertrieben beziehungsweise für ein Klischee. Und wenn wir gerade bei Klischees sind: Auch ich leide unter ihnen. Geistloses Kirchen- und Religionsbashing geht mir auf die Nerven, weil ich weiß, dass Kirche etwas anderes ist. Aber ich kann den Frust, der dahintersteckt, verstehen. Sie beklagen, dass junge Menschen nicht zu Kirche und Glauben finden, weil sie nicht über die ewigen Streitfragen Frauenordination, Verhütung, gleichgeschlechtliche Ehe, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene hinauskommen. Das ist traurig, aber man kann es auch umgekehrt sehen: Wenn Traditionen und Dogmen in Ausschlussrhetorik enden, kann man wütend werden. Wütend aus Liebe.

Von autoritären Strukturen profitieren die Angepassten

Junge Theologinnen und Theologen wissen um die Macht des Lehramts. Sie lernen, denken, glauben, lieben mit einer Schere im Kopf. Von den autoritären Strukturen profitieren hauptsächlich die Angepassten. Kein Wunder, dass ihnen das Feuer fehlt, andere für das Christsein, für den Glauben zu begeistern.

Eigentlich dachte ich, dass sich das Verhältnis zwischen dem bischöflichen Lehramt und der akademischen Theologie entspannt hat. Bischöfe zögern, Lehrer und Professoren durch Lehrverbot zu sanktionieren, und leben den Dialog. Aber nach wie vor haben sie die letzte Macht. Ich wünschte, die Bischöfe hätten noch mehr Vertrauen und die Theologen noch mehr Mut zu klarer Sprache.

Nur wenn ich ehrlich aussprechen kann, was ich glaube oder eben nicht glaube, was wirklich meine Fragen sind, entsteht etwas anderes als der Pseudodialog des Katechismus. Es waren »liberale« Theologen, die mir die ersten Brücken bauten. Hätte mir jemand in den Schablonen christlicher Formeln geantwortet, hätte ich die Vorlesung enttäuscht verlassen. Natürlich muss man Traditionen erst einmal kennenlernen, da haben Sie recht (und ich das Glück weitgehend unfallfreier katholischer Sozialisation). Aber wissenschaftlicher Streit ist super. Ich bin dankbar, dass ich viele tolle Lehrerinnen und Lehrer aus unterschiedlichen Disziplinen hatte, die sich natürlich nicht einig waren. Die große Eindeutigkeit gibt es nicht. Nicht nur die Theologen, die Schrift selber widerspricht sich immer wieder in Einzelfragen. Was ich faszinierend finde: Zwischen all diesen Erzählungen, Aktualisierungen, Übersetzungen schimmert die Wahrheit des Evangeliums durch. Die offenbar nicht auf einen Satz zu reduzieren ist, sonst hätte unser Kanon keine 26 Einzelschriften dafür. Für mich war die Sprache liberaler Theologen die richtige, um von Jesus zu sprechen.

Warum die Angst vor einer freien Theologie?

Übrigens kann ich Ihrem Appell etwas abgewinnen, angesichts der Realität des Islams in Deutschland auch selbstkritische Fragen zu stellen: Ich habe selber gemerkt, wie der Kontakt mit einer anderen, begeistert gelebten Glaubenspraxis meine eigene bereichert hat. Dass ich Aspekte meiner Konfession lieben gelernt habe, die mir vorher nichts bedeutet haben. Und zwar nicht aus einer Verteidigungshaltung heraus, sondern weil ich das »Andere« zunächst einmal ernst genommen habe. Das hilft gegen meine blinden Flecken.

Sie haben doch offenbar keine Angst vor dem Fremden. Warum dann die Angst, dass durch freie Theologie das christliche Glaubensfundament ins Wanken gerät? Kirche war immer Wandel. War immer Kultur. Und dort am hellsten vom Heiligen Geist erleuchtet, wo sie liebend subversiv war. Wie das Evangelium in diese Zeit neu wirkt, darauf sind wir beide gespannt. Lassen Sie uns weiter streiten. Fronten zwischen »Konservativen« und »Liberalen« werden immer unsinniger. Geht es nicht vielmehr um den Unterschied zwischen lieblos Angepassten und reflektiert Leidenschaftlichen?

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