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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2018
Gott, mein Therapeut
Religion stärkt. Aber warum?
Der Inhalt:

24 Türchen – und dann?

von Viola Rüdele vom 01.12.2018
Jetzt beginnt sie wieder, die geheimnisvolle, erwartungsfrohe Vorweihnachtszeit. Auch Nichtchristen hängen Adventskalender auf. Warum machen sie das? Publik-Forum-Volontärin Viola Rüdele findet Antworten – in ihrer WG
24 Tage, 24 Überraschung: Diese Bildersprache verstehen alle. Wir warten darauf, dass etwas kommt, von dem wir noch nicht genau wissen, was es sein wird. (Foto: LiliGraphie/Alamy Stock Photo)
24 Tage, 24 Überraschung: Diese Bildersprache verstehen alle. Wir warten darauf, dass etwas kommt, von dem wir noch nicht genau wissen, was es sein wird. (Foto: LiliGraphie/Alamy Stock Photo)

Etwas schief hängen drei Adventskalender an der Wand in der Küche. Einer mit Schokolade, einer mit Tee und einer mit Bildern. In unserer WG wohnen ein Muslim, zwei Atheisten und eine Christin (ich). Wie es diese drei Kalender dorthin geschafft haben, wissen wir nicht mehr so genau. Trotzdem gibt es zwischen Prüfungsstress, Hausarbeiten für die Uni und Vokabellernen diese Adventskalender im Herzen unserer WG. Damit bei drei Adventskalendern für vier Personen niemand zu kurz kommt, haben wir akribisch einen Plan erstellt. (Einen vierten Kalender zu organisieren hätte ja Arbeit und womöglich noch Geld bedeutet, das wollten wir als Studis naturgemäß lieber vermeiden.) So öffnen wir jetzt also jeden Abend der Reihe nach unsere plangemäß zugewiesenen Türchen und erkundigen uns bei den anderen: »Was gab es denn heute bei dir im Kalender?«

Ich habe mich auch in anderen Wohnungen umgeschaut und festgestellt: Für Adventskalender scheint es weder Grenzen des Alters noch der Religion zu geben. Für meine drei Mitbewohner gipfelt der Spaß mit den Türchen nicht am 24.12. im Weihnachtsfest. Sie feiern es nicht. 24 Tage warten – auf nichts? Als Christin finde ich das spannend: Ohne die Weihnachtsfeier rückt das Warten an sich ins Zentrum.

Dabei ist Warten im Alltag ja eigentlich eher unangenehm und langweilig. Ich warte auf die nächste Bahn, auf eine Antwort, in der Schlange im Supermarkt. Ich sitze im Wartezimmer und merke, wie ich immer unruhiger werde. Warten setzt mich der Passivität aus: Ich werde mir meiner Abhängigkeit von anderen bewusst. Warten zwingt mich, mich mit mir selbst zu beschäftigen: Bin ich gerade irgendwie mit mir unzufrieden? Gibt es jemanden, bei dem ich mich entschuldigen oder bedanken sollte

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