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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2018
Gott, mein Therapeut
Religion stärkt. Aber warum?
Der Inhalt:

Religion, süß-sauer

von Johannes Clemens Schmidt vom 23.11.2018
Das Abkommen des Vatikan mit Peking irritiert die romtreuen Katholiken. Protestantische Freikirchen boomen und die Partei ist alarmiert

Im April dieses Jahres veröffentlichte Wang Zuo’an, langjähriger Direktor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten, einen Grundsatzartikel über das Verhältnis von Religion und Staat in China. Religion, so Wang, sei weder eine Frage des privaten Glaubens, um die sich der Staat nicht zu kümmern brauche, noch kompletter Aberglaube, der ausgelöscht werden müsse. Wang betont, dass es zwischen den Religionen Chinas und den Religionen des Auslands keinerlei Zugehörigkeiten oder gar Unterordnungsbeziehungen gebe, und kommt zu dem Schluss, dass die Religionen Chinas einer »Führung« durch die Partei bedürfen.

Der Artikel spiegelt ziemlich genau die fragilen Beziehungen zwischen Staat und Kirchen wider, die derzeit stark in Bewegung sind. Den romtreuen Katholiken im Untergrund standen bislang die Gläubigen der regimetreuen Katholisch-Patriotischen Vereinigung gegenüber, deren Bischöfe wiederum vom Vatikan nicht anerkannt, allenfalls nachträglich legalisiert wurden, falls sie »Reue« zeigten. Das änderte sich im September durch ein höchst umstrittenes Abkommen zwischen Peking und Rom. Darin erkennt der Papst alle 64 vom Staat ernannten Bischöfe an, darunter auch die beiden, die nicht im Zölibat leben, sondern Frau und Kinder haben. Im Gegenzug sicherte er sich das Recht, bei Bischofsernennungen im Reich der Mitte künftig ein Wörtchen mitzureden. »Die Ernennung erfolgt durch den Papst, das ist klar«, sagte Franziskus vollmundig. Ob das wirklich so klar ist, darf jedoch bezweifelt werden – ebenso, ob im Umkehrschluss China bereit ist, die 36 romtreuen Untergrundbischöfe zu rehabilitieren. Die genauen Absprachen des Abkommens sind bislang nicht öffentlich. Und der Brief des Papstes an Chinas Katholiken erwähnt die inhaftierten oder unter Hausarrest stehenden Bischöfe und Gläubigen mit keiner Silbe. Allgemein heißt es: »Einige haben den Eindruck, vom Heiligen Stuhl gleichsam im Stich gelassen worden zu sein ... Bei vielen anderen überwiegen jedoch positive Erwartungen.«

Die Katholiken sind nur eine Minderheit unter Chinas Christen. Die Zahl der Chinesen, die in den vom Regime teilweise geduldeten protestantischen Hauskirchen beten, liegt um ein Vielfaches höher. Sie spüren den verschärften Kurs der Partei besonders deutlich (vergleiche Interview Seite 35). Das Verbot, Minderjährige mit Religion und Glauben in Verbindung zu bringen, wird st

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