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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2023
Der Inhalt:
Religion & Kirchen

Wenn die Liebe an verlorenen Idealen zerbricht

von Eva-Maria Lerch vom 18.07.2023
(Foto: istockphoto/clu)
(Foto: istockphoto/clu)

Roman. Eigentlich ist diese Geschichte so alt wie die Monogamie – und so gewöhnlich, wie langjährige Beziehungen häufig ablaufen. Eine Frau und ein Mann haben sich vom ersten Moment an geliebt, eine wilde unangepasste Beziehung gelebt, zwei Kinder bekommen, den vielen Trennungen in ihrem Umfeld schulterzuckend zugeschaut und sich selbst für das Liebespaar des Jahrhunderts gehalten. Nun sind sie 31 Jahre zusammen, die Kinder sind groß und die Liebe im Alltag erkaltet: »Im Grunde ist es ganz einfach«, beginnt der Roman. »Ich verlasse dich.« Doch so frustrierend gewöhnlich, wie diese Geschichte klingt, so ungewöhnlich bewegend ist die Art, wie Julia Schoch sie schildert. Sie beschreibt die Liebe der beiden in einer fast minimalistischen Sprache, die starken poetischen Sog entfaltet: »Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, hast du neben mir gelegen. Darüber habe ich mich gewundert. Dann wurde es Mittag, und du warst immer noch da.« Mit verzweifelt-skurrilen Listen versucht sie die Bindungskraft einer jahrzehntelangen Beziehung einzufangen: »Während dieser Zeit haben wir 42 Reisen unternommen, wir haben vier Küchen angeschafft. Wir waren insgesamt siebenmal in der Notaufnahme, viermal wegen unserer Kinder und dreimal wegen uns. Wir haben 912 Partien Halma gespielt. Wir haben 8667 Schulbrote geschmiert und 41 Geburtstagstorten gekauft.« In den trotzigen Versuchen des ostdeutschen Paares, sich den Gesetzen des Kapitalismus zu widersetzen, spiegelt sich aber auch die zersetzende Gesellschaft der Nachwendezeit. Eine Zeit lang kaufen sie etwa nur Milch in Glasflaschen, bis sie feststellen, dass die über 800 Kilometer herangekarrt werden – und zum Tetrapack greifen. Es lässt sich erahnen, dass die Liebe nicht an den Charakteren, sondern vor allem an verlorenen Idealen zerbrochen ist. Der Satz »Ich verlasse dich« aber wird nie ausgesprochen. Als alles schon besiegelt scheint, sitzt die Frau mit dem Mann und einem Glas Bier am Abendbrottisch, hört ihm erstaunt zu, sieht ihn an, als sei er ein Unbekannter. Und »mit einem Mal hatte ich wieder Lust auf Dauer. Auf den Irrsinn der Dauer.«

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2023 vom 21.07.2023, Seite 54
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Schlagwörter: LiebeBeziehungRoman
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