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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2018
Schluss jetzt!
Chile-Skandal: Überwindet der Papst die Restauration?
Der Inhalt:

Vorgespräch: Intimste Geheimnisse teilen?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 08.06.2018
Ella Carina Werner veranstaltet in Hamburg öffentliche Tagebuchlesungen. Was steckt dahinter?

Publik-Forum: Frau Werner, einem Tagebuch vertraut man die privatesten Gedanken an – Sie aber lesen öffentlich aus Tagebüchern vor. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Ella Carina Werner: Ja, deswegen ist es ja so lustig! Wichtig ist uns, dass die Vorleser abgeschlossen haben mit dem, was sie vorlesen – wir wollen ja keinen Seelen-Striptease. Wir würden auch nie 16-Jährige auf die Bühne lassen, die aktuelle Tagebucheinträge teilen. Die Ereignisse sollten mindestens fünf Jahre zurückliegen. Durch die zeitliche Distanz entsteht die Komik.

Finden sich überhaupt Leute, die bereit sind, ihre Geheimnisse preiszugeben?

Werner: Am Anfang mussten wir viel Überzeugungsarbeit für unseren Diary Slam leisten und Vertrauen aufbauen. Mehrere Tagebuchlesebühnen in anderen Städten konnten sich nicht halten, weil die Vorleser fehlten. Bei uns läuft das inzwischen wie von selbst, wir veranstalten seit sieben Jahren einmal im Monat einen Diary Slam.

Ist das nicht furchtbar peinlich?

Werner: Nein, es ist eine ausgelassene, wohlwollende Stimmung im Raum. Da entstehen lange Lachsalven, aber niemand wird ausgelacht. Und: Man gibt sein Tagebuch nicht aus der Hand, sondern liest selbst daraus vor, behält also die Kontrolle, welche Passagen man vorliest – und welche nicht.

Was sind das für Anekdoten?

Werner: Es sind vor allem Einträge aus der Jugendzeit, die vorgetragen werden. Vom ersten Kuss über schlechte Noten, Pickel im Gesicht und Streit mit den Eltern ist alles dabei. Mal ist das der ganz große Herzschmerz, dann wieder etwas ganz Alltägliches, etwa Passagen über das Essen. Man erkennt sich oft selbst wieder. Das ist also eine gemeinschaftsstiftende Veranstaltung.

Wer macht da mit?

Werner: Drei Viertel der Vorleser sind Frauen, die meisten zwischen 26 und 40. Wir hatten aber auch schon Siebzigjährige. Die Zuhörer sind überwiegend zwischen 20 und 30. Wir haben auch mal vor Schulklassen gelesen, erstaunlicherweise kommt das bei Jugendlichen extrem gut an. Man könnte meinen, sie würden sich veräppelt fühlen, wenn die Gedanken, die man als Teenie so hat, vorgelesen werden. Ich hatte aber den Ei

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