Buchbesprechungen

Urs Eigenmann
Welcher Gott für welche Gesellschaft und Welt?
Edition Exodus. 248 Seiten.
26 €
Jede Rede von Gott steht in Beziehung zu menschlichen Vorstellungen über Gesellschaft und Welt. Darauf basieren die Ausführungen von Urs Eigenmann. Der emeritierte Pfarrer und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern geht von der Forderung des Zweiten Vatikanischen Konzils aus, wonach »die Heilige Schrift die Seele der Theologie sein muss«. Im Rückgriff auf den Exodus-Gott und das Reich-Gottes-Zeugnis Jesu arbeitet er die theologischen Grundlagen befreiender Praxis heraus. Seiner Meinung nach steht das Konzil von Nizäa (325) im Widerspruch dazu, denn dessen Rede von Gott rechtfertigt mit platonischer Philosophie die bestehenden Verhältnisse. Seit diesem Konzil müsse zwischen dem prophetisch-messianischen Christentum und der imperial-dogmatischen Christenheit unterschieden werden. Diese bis heute andauernde Zerrissenheit zeigt Eigenmann exemplarisch in den gegensätzlichen Positionen von Benedikt XVI. und Franziskus, Patriarch Kyrill und Bartholomäus sowie von Präsident Trump und der Bischöfin Budde auf. Nur durch eine radikale Rückbesinnung auf den nicht entstellten, biblisch-authentischen Glauben könne diese Zerrissenheit überwunden werden. Wege dazu weist Eigenmann in den »Thesen zur Reich-Gottes-Verträglichkeit einer Gesellschaft und Welt« als Orientierungspunkte für christliches Handeln auf. Norbert Mette
Alexander Garth
Zweiundzwanzig Faszinationen
EVA Leipzig. 184 Seiten. 18 €
Wenn in diesem Buch über »Faszinationen« gesprochen wird, geht es nicht um aufregende, technisch raffinierte Eindrücke, sondern um »Sensationen« im Wortsinne: was ein Mensch zu fühlen bekommt. Ob die 22 Themen den Grad eines »christlichen Antidepressivums« erreichen, mag dahingestellt sein. Sein Ansatz aber, gegen Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst etwas Antidepressives zu bieten, gelingt voll und ganz: Man lernt, dass etwas Faszinierendes nicht immer neu sein muss. Oft erkennen wir es in altbekannten Tatsachen nur nicht gut genug. In einfacher und klarer Sprache bringt der evangelische Pfarrer und Gründer der Jungen Kirche Berlin die zentralen Grundaussagen des Glaubens wie etwa unsere Geschöpflichkeit oder Jesu Sendung zu den Menschen in Bezug zu den naturwissenschaftlichen Fakten des Universums. In diesen faszinierenden Verschränkungen erweist sich der Theologe als ein Meister seines Fachs. Er zeigt auf, wo man überall Schätze heben könnte, wenn wir übten, aus etwas »Faszinierendem« die Botschaft des Glaubens neu zu verstehen. Das Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle Predigenden werden. So sollte die frohe Botschaft heute unter die Menschen gebracht werden. A. Martin Steffe
Kathryn Hurlock
Orte, die Zeiten überdauern
Quadriga. 480 Seiten. 28 €
Die Autorin, Professorin für mittelalterliche Geschichte, untersucht 19 Pilgerorte aus der ganzen Welt auf ihre Geschichte, Bedeutung und Wirkkraft. Die Verbreitung von Pilgerstätten in den verschiedensten Kulturen belegt, dass Pilgern einem Grundbedürfnis des Menschen entspricht. Überraschend ist, dass es in der Praxis leider nur selten ungestört gemäß dem schönen Satz »Der Weg ist das Ziel« funktioniert. Überall und jederzeit versuchten die politischen Mächte, das Pilgern in ihren Dienst zu nehmen und der Pilgerpraxis Vorschriften zu machen oder es sogar für ihre Ziele zu vereinnahmen. Parallel dazu entdeckten die Bürger in Städten entlang der Wege und besonders am Zielort den wirtschaftlichen Nutzen durch die Pilger. Entwickelte sich dann irgendwo eine andere Route, so wurde das alte »Vorrecht« vehement religiös verteidigt – bisweilen sogar mit Waffengewalt. Dem Buch ist auch wegen seiner klaren Sprache und Darstellungsweise weite Verbreitung zu wünschen, damit viele Gläubige sich vor jeder Art von Entgleisung schützen können. A. Martin Steffe

Wunibald Müller
Enkel ohne Gott?
Herder. 190 Seiten. 22 €
Während heutige Großelterngenerationen mit den christlichen Volkskirchen, der öffentlichen Präsenz von Religion und dem damit verbundenen Glauben als gesamtgesellschaftlich geteilte Erfahrung aufgewachsen sind, ist dies in der Lebenswelt ihrer Enkelkinder nicht mehr der Fall. Sollen Großeltern ihren Glauben aktiv mit ihren Enkeln teilen, wenn sich diese oder die Eltern aus den verschiedensten Gründen von Kirche und Glaube abgewendet haben? Wie können sie den Blick weiten für Formen der Spiritualität ihrer Enkel? Wie lassen sich gemeinsam passende Rituale entwickeln und teilen – und sich dabei selbst treu bleiben? Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller weist in seinem Buch einfühlsame Wege für ein respektvolles und tieferes Verstehen verschiedenster persönlicher Zugänge zum Glauben. Dabei kann nicht zuletzt eine nachsichtige Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und der eigenen Glaubensbiografie von Relevanz sein. Ein versöhnliches Buch nicht nur für Großeltern, sondern für alle, die ihre eigenen Erfahrungen und Haltungen mit Glauben, Spiritualität und Kirche und den Umgang mit nahen Menschen, die anders oder nicht glauben, reflektieren möchten. Heide Hällmayer
Werner Onken
Grundrisse einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus
Oekom. 108 Seiten. 16 €
Kann es das geben? Eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, jenseits von Neoliberalismus und Marxismus? Der Anspruch von Werner Onkens Vision ist hoch. Doch bevor der Ökonom sie entfaltet, wirft er historischen Ballast ab. Onkens Kritik am Kapitalismus orientiert sich am Denken und Handeln des deutsch-argentinischen Kaufmanns Silvio Gesell in den 1920er-Jahren. Dieser führte die wirtschaftlichen Probleme im Wesentlichen auf den Zins zurück und forderte eine Gebühr für das Horten von Geld, sodass es die Wirtschaft ungebremst am Laufen hält. In dieser Tradition steht auch Onken. Allerdings distanziert er sich klar und deutlich vom Rechtsextremismus, dessen Nähe auch einige Gesellianer immer wieder gesucht haben oder suchen. Vor diesem Hintergrund beschreibt Onken seine Vorstellung einer Marktwirtschaft ohne Kapitalismus: Ein anderes Geldsystem verhindert die Anhäufung von Kapital in der Hand von wenigen, Boden und natürliche Ressourcen sind nicht länger in Privatbesitz. Angesichts der wachsenden Macht Superreicher und zunehmender ökologischer Ausbeutung wirkt diese Vision zwar realitätsfern, aber durchaus wohltuend. Wolfgang Kessler
Angela Zeller
Manchmal hasse ich mich – dann kauf ich Schokolade
BoD. 188 Seiten. 14,95 €
In den Tiefen unterbrochener Nächte beginnt die Autorin ihr Schreiben: In radikaler Ehrlichkeit, mal wütend, mal witzig erzählt Angela Zeller, Mutter und Bloggerin, von ihrem Alltag mit kleinen Kindern und Haushalt. Ihr Leben vollzieht sich in oft sehr kleinen Schritten, sie gewährt Einblicke in Wäscheberge, die verzweifeln lassen, und Ess-Attacken, die auch nicht weiterhelfen. Angela Zeller hat keine Lösungen parat, sondern lässt die Leserinnen und Leser an ihrem Leben teilhaben, konfrontiert sie mit ihren Fragen. Die radikale Durchlässigkeit der Gedanken, gewürzt mit Humor und Ironie, sowie die Geduld, immer wieder dem eigenen Leben zuzutrauen, dass es gelingende Momente bringen kann, machen das Buch weich, empathisch und eben auch schokoladen-süß. Marie-Luise Habbel




