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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2020
Geht doch!
Der Synodale Weg der katholischen Kirche
Der Inhalt:

»Ihr im Westen habt uns betrogen!«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 14.02.2020
Wu’er Kaixi war einer der Anführer der Studentenbewegung auf dem Tiananmen-Platz 1989. Aus dem Exil in Taiwan warnt er vor Chinas Einfluss in der Welt

Der Mann, der als einer der Meistgesuchten der chinesischen Führung gilt, hat schon mal ein Bier bestellt. Wu’er Kaixi hat einigen Journalisten seine Stammkneipe als Interviewort vorgeschlagen. Taiwan ist zu seiner zweiten Heimat geworden, er ist mit einer Taiwanerin verheiratet und lebt seit 23 Jahren in Taipei. In China wurde er bekannt, als das Staatsfernsehen 1989 ein Treffen von Studenten mit dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng ausstrahlte. Wu’er befand sich zu der Zeit im Hungerstreik in einer Klinik, und so saß er dem mächtigsten Mann im Staat in einem Krankenhauskittel gegenüber. Diese als respektlos gedeutete Geste und die Tatsache, dass er ihm mehrfach widersprach, sorgten für Schlagzeilen.

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Wie kam es, dass Sie zum Studentenanführer auf dem Tiananmen-Platz wurden?

Wu’er Kaixi: Das war nicht geplant. Ich war an diesem 17. April 1989 an der Uni, auf dem Weg zu einem Seminarraum. Tausende Studenten hatten sich versammelt. Als ich Stunden später aus dem Raum kam, waren sie immer noch da. Aber die improvisierte Bühne war leer, die Bewegung hatte keinen Sprecher. Niemand traute sich. Niemand wollte diese eine Person sein. Dann habe ich es gemacht. Ich war damals erst 21 und hatte noch nie zuvor auf einer Bühne gestanden. Ich bin da hochgegangen, ohne zu wissen, was ich sagen würde. Tage später war ich zum Organisator von Massenprotesten geworden. Am 17. April 1989 habe ich mein Gewissen entdeckt.

Sie wussten damals nicht, dass die Proteste blutig niedergeschlagen werden würden. Haben Sie es je bereut?

Wu’er: Nein, bereut habe ich es nicht. Ich bin stolz auf das, was ich getan habe. Aber wenn es eine Zeitmaschine gäbe, mit der ich zurückreisen könnte, wäre ich sicher zögerlicher, als ich es damals war. Ich würde mich fragen, ob ich bereit wäre, den Preis zu zahlen: meine Familie nie mehr zu sehen. Meinen Eltern ihren Sohn vorzuenthalten. All diese Leben, die geopfert wurden.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an den 4. Juni 1989 denken, jenen Tag, an dem die Proteste vom Militär gewaltsam niedergeschlagen wurden?

Wu’er: Ich höre immer noch das Dröhnen der Panzer und das Zischen der Kugeln aus den Maschinengewehren. Und ich sehe all diese Menschen vor mir, die panisch durch d

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