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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2012
Wenn Gott nicht eingreift
Theologen suchen neue Antworten
Der Inhalt:

Arabischer Winter?

von Thomas Seiterich vom 04.05.2012
Die Revolutionäre verlieren. Die islamistischen Wahlgewinner werden von den Saudis finanziert. Deutschland liefert die Panzer

»Die Revolution frisst ihre Kinder«, dieses auf dem Schafott gesprochene, berühmte Wort stammt vom Girondistenführer in der Französischen Revolution, Pierre Victurnien Vergniaud. Doch es trifft auch auf die Arabellion zu, den Aufstand der Jungen, Aufgeklärten und Modernen, der die autoritären Herrscher in Tunesien, Ägypten und Libyen im letzten Jahr hinwegfegte.

Denn die liberal und westlich orientierten Demokraten, Blogger, progressiven Muslime, Menschenrechtskämpfer und arabischen Christen, die ihr Leben riskierten und waffenlos der gewalttätigen Staatsmacht widerstanden, zählen zu den Verlierern der ersten freien Wahlen in Ägypten und Tunesien. Sie haben auch in den Revolutionsländern Jemen, Bahrein, Palästina, Syrien und Libyen schlechte Karten.

Die – zumindest momentanen – Sieger der Arabellion tragen den Bart der Frommen und den Athar el Sujud, das von Niederwerfungen beim Gebet stammende Stirnmal der Strenggläubigen. Der Arabische Frühling des Sieges der Freiheit weicht dem grauen Winter der vom Volk gewollten Machtergreifung durch die Islamisten. Auf Dauer? Das weiß niemand zu sagen. Für die kommenden Jahre jedenfalls erzielen die Islamisten 70 Prozent der Sitze in Kairo und über 40 Prozent in Tunis.

Ihre Wählerschaft ist unterprivilegiert, hat nur eine geringe Schulbildung und lebt nicht in den Metropolen, sondern prekär auf dem Land. Sie wollen den fürsorgenden Staat, der in das Leben des Einzelnen hineinregiert, moralisch wie auch wirtschaftlich. Sie wollen, grob gesagt, den Stopp der Korruption, Bildungschancen für die Kinder, Jobs beim Staat, Alkoholverbot, mehr Religionsunterricht, TV-Ansagerinnen mit Kopftuch und mehr staatlichen Wohnungsbau. Der Islam ist für sie Heimat, die Islamisten bilden ihren Sozialstaat.

Die Facebook-Jugend der glorreichen Revolution hat verloren. Ihre Vertreter belegen nicht einmal zwei Prozent im ersten Parlament nach dem Rücktritt von Diktator Husni Mubarak. Ihre Fraktion ist damit sogar noch kleiner als die der politischen Fossile des alten Regimes. Auch die Frauen und die Christen, die jetzt noch weniger politisch vertreten sind als unter Mubarak, zählen zu den Verlierern.

Niemand fragt, wer die Erfolge der Islamisten finanziert. Seltsam. Denn die l

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