»Sophia« rettet nicht mehr
Wie tief ist eigentlich ein Tiefpunkt? Vielleicht reicht er bis zum Meeresgrund. Dort liegt jetzt die Wertegemeinschaft Europas. Tot. Neben den mehr als 18 200 Menschen, die in den vergangenen fünf Jahren bei dem Versuch gestorben sind, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.
Seit Monaten werden private Helfer im Mittelmeer daran gehindert, Menschen zu retten. Dass nun selbst die offizielle EU-Mission Sophia eingestellt wurde, weil sich die EU-Staaten nicht darauf einigen können, wer die Geretteten aufnimmt, ist eine »humanitäre Bankrotterklärung Europas«, wie die Süddeutsche Zeitung es formulierte. Es ist ein moralischer Tiefpunkt für die EU und ihre Mitglieder. Einer von vielen. Denn angesichts der unzähligen Verschärfungen der EU-Flüchtlingspolitik gehen einem die Superlative aus, um das Versagen Europas zu beschreiben. Was bleibt, sind Sprachlosigkeit und Beschämen.
Es ist unterlassene Hilfeleistung
Vor wenigen Wochen hat ein Kreuzfahrtschiff in Norwegen bei heftigem Wind und meterhohen Wellen einen Hilferuf abgesetzt. Die Initiative Seebrücke postete daraufhin bei Facebook ein Bild des Luxusliners und fragte: »Seenotrettung: Oder soll man es lassen?« Das ist makaber, aber genau diese Frage wird stets gestellt, wenn es um Seenotrettung im Mittelmeer geht. Auf dem einen Schiff sitzen weiße Menschen, auf dem anderen schwarze. Die einen werden gerettet, die anderen nicht. Die bittere Erkenntnis: Noch im Jahr 2019 ist ein schwarzes Menschenleben weniger wert als ein weißes.
Es ist unterlassene Hilfeleistung, Schiffbrüchige ihrem Schicksal zu überlassen. Und es verstößt gegen sämtliche Menschenrechtskonventionen sowie das internationale Seerecht. Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR kritisiert den Abzug der beiden letzten Schiffe der Sophia-Mission scharf. Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos schrieb an das EU-Parlament: »Die Rettung von Menschenleben bleibt für die EU und ihre Mitgliedstaaten ein Muss.«
Aber wen kümmert das noch? Die Mission Sophia hat seit 2014 rund 45.000 Menschen gerettet. Zukünftig wollen Europas Politiker die Menschen aus der Luft beim Ertrinken beobachten.
