Ist der Rundfunkbeitrag fair?
Thomas Schneider: »Ja! Er macht Fairness erst möglich«
»Der Rundfunkbeitrag ist fair. Mehr noch, er macht ein Stück Fairness in der Gesellschaft überhaupt erst möglich. Denn darum geht es bei ARD und ZDF: um den Zugang zu Information, Bildung und, ja, auch Unterhaltung für alle. Werbefreies Kindernetz? Kritische Dokumentationen über Daimler, Amazon oder die FIFA? Übertragungen Alter und Neuer Musik im Radio, übrigens online rund um die Uhr abrufbar? Schaffte man ARD und ZDF ab und überließe dies alles »dem Markt«, würde das meiste davon verschwinden, weil sich schlicht kein Geld damit verdienen lässt.
Und glaubt jemand im Ernst, die Internet-Community würde für verlässliche, umfassende Information sorgen? Die »Tagesschau« ist halt doch was anderes als sogenannter Bürgerjournalismus, ob dieser nun von wohlmeinenden Amateuren stammt oder von Propagandisten. Weil man Nachrichten eben nicht bloß veröffentlichen muss, sondern auch prüfen und einordnen, um Manipulationen auszuschalten. Ohne öffentliche Finanzierung geht es also nicht.
Klar: Es gibt Menschen, für die sind monatlich 17,50 Euro zu viel. Wer etwa Arbeitslosengeld II empfängt, wird vom Rundfunkbeitrag befreit. Noch nicht fair genug?
Theoretisch könnte man den Beitrag nach Einkommen staffeln. Das ginge nur mit einem gewaltigen bürokratischen Aufwand, der einen großen Teil des Beitrags auffressen würde. Natürlich gibt es ein Modell, das viele Länder anwenden: Man finanziert den Rundfunk über die Steuer. Dann trägt jeder seinem Einkommen entsprechend zur Finanzierung der Programme bei. Äußerst fair. Nur: Ein solcher Rundfunk wäre nicht mehr öffentlich-rechtlich, sondern ein Staatsfunk. Ein Instrument in der Hand der Regierung, die über das Budget Programme und Macher steuern könnte. Oder abschalten, wie 2013 in Griechenland geschehen.«
Andrea Teupke: »Nein! Er ist unverschämt«
»Der Rundfunkbeitrag ist unfair. Mehr noch: Er ist unverschämt. Meine Schwiegermutter muss ihn bezahlen, obwohl sie hochgradig dement ist. Meine Kinder werden ihn bezahlen müssen, sobald sie ausgezogen sind, obwohl sie nicht mehr fernsehen, seit sie der »Sendung mit der Maus« entwachsen sind. Und auch ich zahle ihn, obwohl mich weder Kochshows noch Traumschiffe oder Liebesgeplänkel in Forsthäusern interessieren.
Anspruchsvolle Kultursendungen? Kommen selten und dann zu nachtschlafender Zeit. Information? Beziehe ich aus Zeitungen – und deren Leser zahlen freiwillig. Politische Aufklärung? Findet von den Nachrichtensendungen abgesehen überwiegend in immer gleichen Talkshows mit den immer gleichen Teilnehmern statt. Natürlich könnte das Programm noch schlechter sein – siehe Italien. Es könnte aber auch kostengünstiger und besser sein – siehe Großbritannien oder Dänemark. Sehr bissig und sehr anschaulich beschreibt das Bertolt Seliger in seinem aktuellen Buch »I Have a Stream«, in dem er die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens fordert.
Nein, die Zwangsabgabe, die dazu noch regelmäßig erhöht wird, ist undemokratisch und unzeitgemäß. Warum verdient der ZDF-Intendant mehr als die Bundeskanzlerin? Warum bereichern sich Privatfirmen, indem sie Sendungen produzieren, die eigentlich die Sender selbst herstellen müssten? Warum sind nicht sämtliche Dokumentationen, die schließlich von den Gebührenzahlern finanziert wurden, im Internet abrufbar? Einschließlich der großartigen Interviews, die Günter Gaus geführt hat und die heute außer Fernsehmitarbeitern mit Archivzugang niemand zu sehen bekommt? Nein, ich werde nicht ins Gefängnis gehen aus Protest gegen die Rundfunkgebühr. Aber ärgerlich finde ich sie in allerhöchstem Maße.«
Andrea Teupke (@AndreaTeupke), geboren 1963, leitet bei Publik-Forum das Ressort Leben & Kultur. Sie ist ohne Fernsehen aufgewachsen und hat das selten vermisst.
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