Fürs Klima streiken?
Wolfgang Kessler: Ja, machen wir es den Schülern nach!
Mit ihren Streiks setzen die Schülerinnen und Schüler ein Zeichen, dass sie politischer und verantwortungsbewusster sind, als viele Ältere meinen. Und diese Aktionen sind umso glaubwürdiger, weil es sich um zivilen Ungehorsam handelt, der sanktioniert werden muss.
Mit diesem Mut haben die jungen Leute uns Älteren so einiges voraus. »Es ist auch unser Planet, den ihr ruiniert«, hieß es auf einem Plakat einer Schülerdemo. Fürwahr, die Wirtschaftsweise und der Lebensstil von uns Älteren sind es, die das Klima aufheizen. Hitzesommer in Deutschland, Hungersnöte in Afrika, sommerliche Waldbrände, Überschwemmungen in Australien bei gleichzeitig arktischen Temperaturen in Nordamerika – das sind erst die Vorboten einer Welt, die die älteren Generationen den jungen hinterlassen.
Deshalb wird es auch für uns Ältere höchste Zeit, es den Schülerinnen und Schülern gleichzutun. Sorgen wir doch mal dafür, dass jene Räder stillstehen, die das Klima permanent aufheizen. Treten wir doch mal drei Tage lang in den Kaufstreik; besteigen wir für drei Tage kein Auto, und ein Flugzeug schon gar nicht; legen wir doch für drei Tage in ganz Deutschland die Arbeit nieder – und stoppen so wenigstens für einen begrenzten Zeitraum jenen Massenkonsum, jene Produktion, die die Klimakrise immer weiter verstärken.
Klar: Damit wäre die Welt nicht gerettet. Aber mit dieser Art von zivilem Ungehorsam würden wir Älteren ein Zeichen der Solidarität an die junge Generation senden, dass wir bereit sind, mit ihnen für ein besseres Klima in Zukunft zu kämpfen. Oder wollen wir irgendwann gefragt werden: Wo wart ihr, als die Fluten kamen? Und dann können wir nicht mal antworten, wir hätten nichts gewusst. Denn wir wissen es.
Josef Kraus: Nein, ich bin gegen Schuleschwänzen!
Schüler sollen politisch engagiert sein. Aber: Das grundgesetzlich garantierte Demonstrationsrecht ist das eine, die gesetzlich geregelte Schulpflicht ist das andere. Es steht nirgendwo, dass man das Demonstrationsrecht nur während der Unterrichtszeit ausleben darf. Dass viele Lehrer, Schulleiter, Eltern und fast alle Medien die Streiks wohlwollend sehen, ist seltsam. Denn das Schwänzen von Unterricht ist nun einmal ein sanktionswürdiger Verstoß gegen die Schulpflichtgesetze.
Gewiss hat niemand etwas gegen eine gleichermaßen engagierte und im Protest kreative Jugend, wenn sie denn halbwegs kundig ist und nicht nur Gesinnung, sondern auch ein bisschen Ahnung von CO2, Klima und so weiter hat. Von den Imitatoren der neuen Medienikone »Greta« hört man freilich nur Wohlfeiles: »Die Zukunft, für die wir lernen sollen, wird mir gerade weggenommen – jeder Politiker ist mit schuld daran, dass ich einmal Kinder in eine kaputte Welt setzen muss.« Eine Nummer kleiner geht es nicht. Die Sprüche auf Plakaten sind entsprechend: »Advent, Advent, die Erde brennt« oder »Die Erde hat Fieber« oder »Make love not CO2!« oder »Make earth cool again!« oder »Raise your voice not the sea level!«
Aber mit Sprüchen ist es nicht getan. Deshalb sollte das Thema »Klima« seriös, rational, differenziert und multiperspektivisch im Unterricht behandelt werden. Man kann dann gerne demonstrieren, wenn man sich denn ein mündiges Urteil gebildet hat. Solche Demos wären im Übrigen viel glaubwürdiger, wenn sie nicht aus durchsichtigen Motiven während der Unterrichtszeit, sondern in der reichlich vorhandenen Freizeit stattfänden. Aber an einem Samstagvormittag etwa fänden sich wohl zu wenige auf den Stadtplätzen ein.
