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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2019
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Der Inhalt:

Aufgefallen: Die Stimme der Kurden

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 08.02.2019
Die Menschenrechtsaktivistin Nurcan Baysal schreibt über die Gewalt, die Kurden in der Türkei angetan wird – und will damit aufrütteln

Es war ein Sonntagabend im Januar 2018, Nurcan Baysal saß mit ihrer Familie vor dem Fernseher, zu Hause in Diyarbakir. Ihr kleiner Sohn spielte mit Lego. »Plötzlich riss mich ein entsetzlicher Krach aus dem Sessel. Ich dachte, die Erde bebt«, berichtete sie später. Aber es war kein Erdbeben. Türkische Polizisten brachen die Wohnungstür der Familie auf. Kurz darauf stürmte eine Sondereinheit von zwanzig maskierten Männern mit Kalaschnikows herein. Nurcan Baysal wurde vor den Augen ihres Mannes und ihrer beiden Söhne verhaftet. Der Grund: Sie hatte gemeinsam mit 170 Künstlern einen Friedensappell unterzeichnet. Und sie ist Kurdin.

Baysal ist Schriftstellerin, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. In ihrer Heimatstadt Diyarbakir im Südosten der Türkei – der inoffiziellen Hauptstadt der Kurden – kennen fast alle ihren Namen. Als türkische Truppen im Winter 2015 die historische Altstadt belagerten und sich Kämpfe mit rebellierenden Jugendlichen und der kurdischen Arbeiterpartei PKK lieferten, entschloss sich die heute 43-Jährige, zwischen den verfeindeten Lagern zu vermitteln. Durch ihren Einsatz hat sie siebzig Zivilisten das Leben gerettet, Kinder und Alte aus der belagerten Altstadt befreit. In der Folge beäugten beide Seiten sie misstrauisch, die türkische Regierung genauso wie die kurdischen Kräfte. Obwohl sie für die Sache der Kurden eintritt, kritisiert sie, dass die kurdische Führung keine Selbstkritik und Diskussion zulasse. Auch mit dem Westen geht sie hart ins Gericht, beklagt Europas Gleichgültigkeit für das Schicksal ihres Volkes.

Geboren wurde Baysal 1975 in Diyarbakir. Zum Studium der Politikwissenschaft ging sie nach Ankara, dann kehrte sie in ihre Heimat zurück. Dort gründete sie ein sozialpolitisches Institut, engagierte sich in der kurdischen Frauenbewegung, arbeitete vor Ort für die Vereinten Nationen und rief mehrere NGOs ins Leben. 2014 half sie jesidischen Kindern und Frauen im Irak, die vom IS misshandelt worden waren.

In ihrem Blog beschreibt sie – auch auf Türkisch – den von Gewalt geprägten Alltag der Kurden. Sie berichtet von Massenverhaftungen kurdischer Lehrer und davon, dass Kindergärten und Theater, Musikvereine und Frauenhäuser geschlossen werden. Sie schreibt über Scharfschützen, die Kinder töten, über Menschen, die bei lebendigem Leib verbrannt wurden. »Mein ganzes Leben ist Krieg. Nicht ein oder zwei

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