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Streit um die Friedensdenkschrift der evangelischen Kirche
Frieden schaffen – jetzt mit Waffen?

Friederike Krippner und Jochen Cornelius-Bundschuh über die neuen Kriege und welche Herausforderungen sie den Kirchen stellen. Gibt die Friedensdenkschrift der EKD die richtigen Antworten? Ein Streitgespräch.
vom 08.04.2026
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Im Gespräch über den Frieden:Jochen Cornelius-Bundschuh und Friederike Krippner. (Foto: Thomas Lohnes)
Im Gespräch über den Frieden:Jochen Cornelius-Bundschuh und Friederike Krippner. (Foto: Thomas Lohnes)

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Publik-Forum: Frau Krippner, Herr Cornelius-Bundschuh, was war denn so neu an der Zeitenwende, dass es eine neue Friedensdenkschrift brauchte?

Friederike Krippner: Ich halte den Begriff Zeitenwende für irreführend. Denn Kriege gab es auch vorher, und seit der Besetzung der Krim 2014 hatten wir auch einen schwelenden gewaltvollen Konflikt in Europa. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich allerdings viel verändert: Wir erleben andere geopolitische Kräfteverhältnisse, die Zahl der Kriegstoten ist angestiegen. Global gesehen gibt es so viel Investitionen ins Militär wie nie zuvor. Wir haben eine digitale Revolution, die dazu führt, dass wir viel leichter Opfer von Desinformationen werden. Die Klimakrise schreitet voran. Vor diesem Hintergrund haben si

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Gerhard Kern 30.04.2026:
Es wäre gut, wenn sich Friederike Krippner und Jochen Cornelius-Bundschuh an Dietrich Bonhoeffer erinnern würden. Bonhoeffer wurde 1930/1931 zum Pazifisten – nach der Begegnung mit dem französischen Hugenotten Jean Lasserre und dessen Auslegung der Bergpredigt als Friedensbotschaft. Schon im Jahr 1932 betont Bonhoeffer: »Der Krieg ist als Mittel des Kampfes ein uns heute von Gott verbotenes Tun, weil er die äußere und innere Vernichtung der Menschheit bedeutet und so den Blick auf Christus raubt.« In einem Vortrag im Jahr 1934 sagt er: »Die Waffen aufeinander zu richten heißt, die Waffen auf Christus zu richten.« Sicherheit werde als Absicherung nationaler oder ökonomischer Interessen verstanden. »Überall wird Friede und Sicherheit verwechselt … Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und Misstrauen gebiert wiederum Krieg.« Und er ruft den Zuhörern zu: »Die Stunde eilt – die Welt starrt in Waffen ..., wollen wir selbst mitschuldig werden wie nie zuvor?« Diese Feststellung hat auch heute ihre Berechtigung und muss ernst genommen werden.

Claus Hörrmann 30.04.2026:
Wer als Christ für immer mehr Waffen und Militär eintritt, der versündigt sich letztendlich und nimmt auch nicht wahr, dass eine deutliche Mehrheit in unserem Land genau das nicht, sondern Frieden will.

Sabina Jarosch 30.04.2026:
Ich habe den Eindruck, die Diskutanten verwechseln »pazifistisch« mit »passiv«. Wer sich gegen Gewalt entschieden hat, sucht sich ja keine gemütliche Nische, um darin zu »überwintern«. Es kann durchaus sein, dass er – oder sie – im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhalten muss. Um nicht missverstanden zu werden: Das heißt nicht, dumm und selbstmörderisch zu sein, schon gar nicht, andere vorzuschicken. Viele gescheite Menschen haben Methoden entwickelt, Kriege im Vorfeld nach Möglichkeit zu vermeiden, und, wenn sie denn ausgebrochen sind, Aggressoren zu sabotieren. Natürlich begeben sich Menschen, die im Ernstfall mit der Waffe kämpfen, in Lebensgefahr – aber der Militärapparat bietet auch einen gewissen Schutz. Einen Schutz, den Menschen, die sich gegen Gewalt entschieden haben, nicht haben.

Norbert Kneib 30.04.2026:
Friederike Krippner bringt die »atomare Teilhabe« mit mehr Sicherheit zusammen. Ich wohne in der Eifel, nicht weit vom Fliegerhorst Büchel und sehe das anders. Dort lagern 20 US-Atomsprengköpfe, die im »Ernstfall« von Jägern der Bundesluftwaffe auf Ziele abgeworfen werden, deren Koordinaten US-Amerikaner festlegen. Ob Generäle in Ramstein oder Pete Hegseth oder der Große Blonde selbst, ist nicht bekannt. Auch ist ungewiss, ob nach der Zielfindung die teuer erweiterte Landebahn noch befahrbar ist – ebenso unklar, ob dann noch die Mosel Eifel und Hunsrück trennt oder ob ihr Wasser inzwischen verdampft ist. Klar ist, dass man besser vom Atom-Magneten statt vom Atom-Schirm sprechen sollte.

Gisa Luu 30.04.2026:
Wie kann es sein, dass Friederike Krippner so locker sagt: »die Zahl der Kriegstoten ist angestiegen«? Müssten wir Christenleute nicht schreiben: »Hunderttausende wurden und werden ermordet – auch mit Waffen, die aus unserem Land in die vielen Kriegsgebiete geliefert werden«? Sie sagt auch: »wenn der Kriegsfall eintritt«. Hoppla, es muss doch völlig anders benannt werden, wenn Politiker Hunderttausende ins Sterben und auf Generationen ins Elend stürzen, auf dass unsere Rüstungsindustrien ihre Gewinne weiterhin unbehelligt einstreichen können! Ich bin so bitterlich enttäuscht von meiner Kirche mit dieser Friedensschrift. Noch nicht einmal eine klare Ächtung der Atomwaffen haben sie geschafft.

Franz Segbers 30.04.2026:
Der theologische Konflikt steckt in der Interviewfrage, wenn es heißt, aus den DDR-Kirchen stamme der Satz, der zivile Dienst sei gegenüber dem militärischen Dienst das »deutlichere Zeichen« christlichen Friedenshandelns. Die DDR-Kirchen haben aber im Jahr 1965 den Dienst der Bausoldaten »als das deutlichere Zeugnis des Friedensgebots Jesu Christi« bezeichnet, das »den wirklichen und wirksamen Friedensbund Gottes mitten unter uns« bezeugt. Sie distanzierten sich aus theologischen Gründen von der Paritätsthese der EKD, also von der Gleichwertigkeit des Friedensdienstes mit und ohne Waffen. Die EKD zitiert an einer Stelle in der Denkschrift richtig, entkernt jedoch im Resümee das theologische Argument der DDR-Friedensethik. Sie macht aus dem »deutlicheren Zeugnis« ein »deutlicheres Zeichen« und aus dem »Friedensgebot Jesu Christi« ein bloßes »Zeichen des Christseins«. Das aber ist der entscheidende theologische Unterschied: Die Gewaltlosigkeit ist das Friedensgebot Christi, und der »Dienst mit der Waffe« ist gegenüber diesem Gebot Christi nicht unmöglich, aber begründungspflichtig. Das haben die Verfasser der Denkschrift geahnt, als sie der zentralen Auffassung der DDR-Kirchen widersprochen haben. Eine wichtige theologische Traditionslinie appelliert, dass Christenmenschen grundsätzlich gewaltfrei leben und keine Gewalt anwenden sollen. Diese Haltung fand Ausdruck im konziliaren Prozess, den damit verbundenen ökumenischen Versammlungen, der Initiative »Sicherheit neu denken« sowie in der evangelischen Friedensarbeit. Genau von dieser Tradition wollte sich die EKD-Denkschrift verabschieden.

Klaus Lemmes  18.04.2026, 10:57 Uhr:
Entsetzt bin ich über das einzige Bild, welches diesen Beitrag außer denen der Gesprächspartner illustriert, schneidige Soldaten beim Gelöbnis zeigt und sich somit in die Bilder, die wir in den Nachrichten fast täglich im Hintergrund zu den Meldungen über Kriegstüchtigkeit und Aufrüstung gezeigt bekommen, einreiht. Unvermeidlich drängt sich dabei die Vermutung auf, daß verdeutlicht werden soll, daß der Schwerpunkt der Friedensdenkschrift der EKD nun bei der militärischen Gewalt liegt.

Georg Lechner 26.03.2026, 19:05 Uhr:
"Solange Ihr mit uns in den Krieg zieht, ist uns Euer Status (gemeint war die Neutralität) egal." - so zitierte die "Presse" vom 18.11.2004 den damaligen deutschen Botschafter in Österreich.
Bereits 1991 machte Helmut Kohl die faktische Preisgabe der Neutralität zur Bedingung für einen EU-Beitritt Österreichs (von der "Wirtschaftswoche" aufgezeigt).

Georg Lechner 26.03.2026, 18:36 Uhr:
Die Menschen sind auch deswegen immer weniger bereit zum Kriegsdienst, weil
- die Normalos den Kopf hinhalten müssen
- alle Kriege der letzten Zeit von massiven Lügen begleitet waren (z.B. Babymordlüge bei "desert storm" 1991, angebliches Massaker von Racak - von Alice Mahon widerlegt - beim völkerrechtswidrigen Krieg der NATO gegen Serbien, Lüge von den Massenvernichtungswaffen im Irak beim völkerrechtswidrigen )Krieg der USA 2003)
- der Filz aus Rüstungsindustrie, Politik und Medien einen Eselslärm bei Investitionen in die Zukunft (Bildung, Soziales, Maßnahmen zu Klimaschutz) veranstaltet, aber nichts gegen übermäßige Rüstungsausgaben hat

Britta Dr. Martini 26.03.2026, 12:08 Uhr:
Mir fiel auf, daß die Namen Israel und Palästina im Interviewgespräch nicht genannt wurden. Dafür aber: Deutschland und die europäische Perspektive und ‚unsere‘ Schutzbedürftigkeit. Daß Deutschland und die EU für Kriege außerhalb Europas nicht auch verantwortlich sind, indem sie durch wirtschaftliche Interessen der Bevölkerung in anderen Staaten ein Leben in gerechten Verhältnissen verunmöglichen und somit Armut und Kriege befördern, wird in der Denkschrift ausgeblendet; von uns als Waffenexportlieferanten zu schweigen, und von der Staatsraison-Formel, die freundlich-kritische, kompetente Beratung der israelischen Regierung verhindert und ebenso die Unterstützung der in Israel, in den palästinensischen Gebieten und in Deutschland für Frieden zwischen Israel und Palästina arbeitenden NGOs (u.a.: Rabbis for Human Rights; Parents Circle Friends Forum). Die aktuelle Friedensdenkschrift macht mich traurig mit ihrer Selbstbezogenheit.

Thomas Bartsch-Hauschild 26.03.2026, 09:51 Uhr:
Frieden schaffen- nur mit Waffen zur Selbstverteidigung? Die EKD hat den Pfad der friedlichen Konfliktlösung in der ganzen Welt den Rücken gekehrt. Frieden ist Nächstenliebe- kein Fundamentalismus- der sich in der Gewaltphantasie seine Macht zu sichern. Putin und Trump- sind die Protagonisten die heutigen Zeit und wie lange noch?

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