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Glyphosat jetzt verbieten?

Glyphosat ist der in Deutschland am häufigsten verwendete Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln. Es gilt als krebserregend und schädlich für die Artenvielfalt. Dennoch ist Glyphosat im Dezember 2017 auf EU-Ebene mit Zustimmung des deutschen Landwirtschaftsministers für weitere fünf Jahre in Europa zugelassen worden. Sollte die künftige Bundesregierung ein Verbot erlassen? Das Pro und Contra
von Karl Bär , Manfred Koppenhagen vom 25.02.2018
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Glyphosat jetzt verbieten? Karl Bär (links) sagt: Ja! Manfred Koppenhagen (rechts) sagt: Nein! (Fotos: Pressebild/Bär; privat)
Glyphosat jetzt verbieten? Karl Bär (links) sagt: Ja! Manfred Koppenhagen (rechts) sagt: Nein! (Fotos: Pressebild/Bär; privat)

Karl Bär: »Ja! So schnell wie möglich«

»Im September fuhr ich im Norden aus München heraus, um den Bio-Landwirt Sepp Braun zu besuchen. Er zeigte mir, wie er Unkraut unterdrückt, indem er Klee unter sein Getreide pflanzt und so gleichzeitig Futter für seine Kühe produziert. Er erklärt die positive Wirkung von Hecken zwischen den Feldern und wie er seine wichtigsten Mitarbeiter, die Regenwürmer, fördert. Seit Jahrzehnten hat er weder gespritzt noch gepflügt. Sepp Braun hat Pestizide mit Kreativität unnötig gemacht.

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Viel zu oft aber ersetzt Glyphosat Kreativität. Auf vierzig Prozent der deutschen Äcker wird es regelmäßig ausgebracht. Wo das Gift gespritzt wird, wächst buchstäblich »kein Gras mehr«. Doch ohne »Unkräuter« fehlt die Nahrung für viele Insekten. Die Insekten wiederum sind das Futter für Vögel wie den Kiebitz. Um rund achtzig Prozent sind die Bestände des Vogels mit der lustigen Punkfrisur in den vergangenen dreißig Jahren zurückgegangen. Bei vielen anderen Arten sieht es nicht besser aus. Unsere Umwelt verarmt und wird instabiler.

Auch unsere eigene Gesundheit ist durch das Ackergift bedroht. Die Weltgesundheitsorganisation hält es für erbgutschädigend und »wahrscheinlich krebserregend«. Dass der Wirkstoff in Brot, Bier, Bohnen, Baumwollprodukten und menschlichem Urin gefunden wird, macht deutlich: Es ist nicht möglich, über Jahrzehnte Tausende Tonnen davon auf die Felder zu sprühen, ohne dass Glyphosat über die Nahrung zu uns Menschen zurückkommt.

Glyphosat ist überall. Doch nicht mehr lange. Frankreich, Italien und andere europäische Staaten wollen es loswerden. In wenigen Jahren wird Glyphosat in großen Teilen Europas verboten sein. Auch die deutsche Regierung sollte jetzt nicht weiter diskutieren und Arbeitsgruppen einrichten, sondern es schnell verbieten.«

Manfred Koppenhagen: »Nein! Entscheidend ist die Anwendung«

»Glyphosat beseitigt Unkräuter, die Ertrag und Qualität von Nutzpflanzen mindern. Unkräuter müssen bekämpft werden, auch im Bioanbau. Und wenn nicht mit Glyphosat, dann entweder mit einem anderen Wirkstoff oder mit dem Pflug. Das Ergebnis ist das gleiche, und einem gepflügten Feld fehlt ebenfalls jede Artenvielfalt.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung der WHO hat Glyphosat in die Risikokategorie 2A und damit als »wahrscheinlich krebserregend« eingestuft. In dieser Kategorie sind auch Acrylamid, das beim Backen und Braten entsteht, Mate-Tee sowie Chemikalien, die der Friseur verwendet. In Kategorie 1 – »zweifellos krebsauslösend« – finden sich Tabakrauch, Mineralöl und Alkohol. Entscheidend ist aber, wie mit diesen Stoffen umgegangen wird. So wie Glyphosat in der Landwirtschaft eingesetzt wird, besteht kein größeres Krebsrisiko als beim verantwortungsvollen Umgang mit anderen Stoffen.

Die Diskussion hat längst die postfaktische Phase erreicht. Dem Umstand, dass Glyphosat ein Baustein der konservierenden Bodenbearbeitung ist, die Bodenstruktur erhält, Bodenlebewesen schont und Erosion vermeidet, wird so wenig Rechnung getragen wie dem, dass für den Ersatz von Glyphosat durch Pflügen zusätzlich 500 000 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr in Deutschland durch den Dieselverbrauch emittiert würden. Doch um dies zu verstehen, müsste man sich mit dem Thema auf fachlicher Ebene auseinandersetzen. Das geschieht kaum.

Glyphosat wird von Interessensgruppen missbraucht, um von anderen Umweltthemen abzulenken, Wählerstimmen und Spenden zu werben. Doch was bringt ein Verbot in Deutschland, solange Getreide, Raps und Soja aus Ländern importiert werden, die Glyphosat weiter einsetzen?«

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Personalaudioinformationstext:   Karl Bär (@karlbaer) hat Agrar- und Islamwissenschaften studiert. Er ist Referent für Agrar- und Handelspolitik beim Umweltinstitut München und grüner Gemeinderat in Holzkirchen.
Manfred Koppenhagen ist Agraringenieur und betreibt einen landwirtschaftlichen Betrieb in Kirchberg an der Iller.
Schlagwort: Verbot
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