Zur mobilen Webseite zurückkehren

Weihnachtsbriefe

Auf dem Weg zum Männerkreis treffe ich nacheinander drei Gemeindeglieder, die alle das Bedürfnis haben, mir »nur ganz kurz« ihr Leben zu erzählen: »Ach, Herr Pfarrer, wie gut, dass ich Sie treffe!« Ob die heute Morgen was in ihrem Nikolausstiefel hatten, das sie so redselig macht?
von Fabian Vogt vom 06.12.2014
Artikel vorlesen lassen
Hilfe, was schreib´ich nur in meinen Weihnachtsbriefen? Lauter schöne Sachen? Oder bin ich ausnahmsweise mal ehrlich? Und was wird Knecht Ruprecht dazu sagen? (Foto: thinkstock/gettyimages/serge-75, mod.)
Hilfe, was schreib´ich nur in meinen Weihnachtsbriefen? Lauter schöne Sachen? Oder bin ich ausnahmsweise mal ehrlich? Und was wird Knecht Ruprecht dazu sagen? (Foto: thinkstock/gettyimages/serge-75, mod.)

... Und dann geht es los: von den legendären Mirabellenernten in den Sechzigern, über uneheliche Schwangerschaften in den Siebzigern bis hin zur detailverliebten Beschreibung der Gallenstein-Entfernung letzte Woche (»Schauen Sie, hier ist die Narbe. Sieht lustig aus, oder?«)

Anzeige
loading

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich komme zu spät. Doch als ich den verrückten Kerlen in der Sitzgruppe erzähle, was mich aufgehalten hatte, lachen sie nur. Und Joachim ruft: »Ach, an dem Thema sind wir auch gerade dran.«

Wieso? »Na ja«, sagt Bernd, »es ist doch wieder Zeit für die Familien-Weihnachtsbriefe. Du weißt schon: diese total lustigen Rundschreiben, in denen man all seinen Bekannten ungefragt, aber dafür total ausführlich berichtet, was jedes Mitglied der eigenen Familie im vergangenen Jahr Tolles erlebt hat.«

So was macht ihr? Joachim druckst herum: »Na ja, meine Frau will das. Unbedingt!« Die anderen Männer nicken. Schicksalsergeben. Und offensichtlich von ihren Gattinnen auch zum Schreiben verdonnert. »Jetzt hocken wir eben hier und überlegen gemeinsam, was wir über unsere Brut berichten können.«

Bernd nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Rotweinglas. »Mal ehrlich, Birgit möchte nur, dass wir so einen Weihnachtsbrief verschicken, weil alle ihre Freundinnen das auch machen. Dabei will ich deren blödes Zeug überhaupt nicht lesen!«

Mit verstellter Stimme rezitiert er: »›Joschi hat in diesem Jahr mit seinem Krummhorn drei mal Jugend musiziert gewonnen, Jeanette konnte gleich zwei Klassen überspringen, Werner ist vorzeitig zum Oberaufsichtsratsvorsitzenden ernannt worden, im Sommer waren wir Fallschirmspringen auf den Malediven und die Boutique von Verena läuft dermaßen gut, dass sie sich einen echten Chagall kaufen musste.‹ Ich könnte kotzen.«

»Genau!«, ruft Joachim, und sein Schnauben lässt vermuten, dass er gleich explodiert. »Wenn du in deinen Brief reinschreibst, dass ihr nur an der Ostsee wart und deine Tochter bei den Bundesjugendspielen den 37. Platz gemacht hat, dann kommst du dir vor wie der letzte Dödel. Fehlt nur noch, dass in so einem Brief steht: ›Wir haben viermal die Woche tollen Sex!‹ Aber das kommt sicher demnächst.« Einen kurzen Moment schweigen alle. Betroffen. (Oder neidisch.)

Ich möchte gerne etwas pädagogisch Wertvolles beitragen und sage: »Na ja, wenn es jemand nötig hat, sich so zu produzieren ... Bitte schön. Aber ich möchte von echten Freunden nicht nur die Höhen, sondern auch die Tiefen erfahren.«

Bernd prustet los: »Vielleicht sollte ich in unserem Brief berichten, wie Birgit an der Mecklenburger Seenplatte Magen-Darm-Grippe bekam und vier Tage lang gekotzt hat. Einmal sogar ins Auto. Ich glaube, ich habe ein Bild davon auf dem Handy. Wollt ihr mal sehen?«

Erstaunlicherweise winken alle ab.

Dann sammeln wir Vorschläge, von welchen Erfahrungen man seinen guten Freunden erzählen möchte. Die reine Wahrheit? Gar nicht so leicht. Will man anderen mitteilen, dass man sich auf einen Job beworben hatte – und ihn nicht bekommen hat? Dass das Konto überzogen ist? Der Sohn neuerdings kifft? Oder dass man mit der Liebsten in einer Paartherapie war?

Joachim schreibt eifrig mit. »Danke, Jungs, ich liebe euch!«, ruft er. »Wenn ich das meiner Frau zeige, brauche ich nie wieder einen Rundbrief zu verfassen...« Dann stockt er: »Obwohl, vielleicht steht sie ja auf die neue Ehrlichkeit. Und was mach ich dann?«

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Personalaudioinformationstext:   Fabian Vogt, geboren 1967, ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde Oberstedten im Taunus, Kabarettist im »Duo Camillo« und Schriftsteller. Die Kolumne schreibt er im Wechsel mit Anne Lemhöfer
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0