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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2014
Bildung statt Bologna!
Was die europäische Studienreform angerichtet hat
Der Inhalt:

Erzähl mir dein Leben

von Ulrike Schnellbach vom 01.12.2014
In Deutschland leben Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Doch im Privatleben bleiben Deutsch- und Türkischstämmige meist unter sich. Was passiert, wenn sie sich doch einmal zusammensetzen, erfuhr Ulrike Schnellbach auf Gut Gödelitz
Zuhören und Verstehen: Biografiegespräch auf Gut Gödelitz (Foto: www. ost-west-forum.de)
Zuhören und Verstehen: Biografiegespräch auf Gut Gödelitz (Foto: www. ost-west-forum.de)

Enver erzählt. Zuerst flott und flüssig, dann stockend, schließlich mit erstickter Stimme. Hier, Enver, ein Taschentuch. Ein Dutzend Frauen und Männer im Stuhlkreis, ganz still. Ein vorsichtiger Blick in die Runde verrät: Auch die anderen kämpfen mit den Tränen. Manche kämpfen nicht, sie weinen leise mit Enver, diesem kräftigen Mann mit der sonst so festen Stimme. Ein Spaßvogel, selbstbewusst, einer, der seinen Weg geht: So hatte ich den 35-jährigen Werbetexter aus Hamburg am Vorabend eingeschätzt. Wie man eben die Menschen so kategorisiert, wenn man einen Abend redend und scherzend am Kamin verbringt, zusammen isst und trinkt, bis es spät ist.

Jetzt sehe ich Enver mit anderen Augen. Er hat erzählt, wie seine Familie sich im Deutschland der 1980er-Jahre durchschlug. Vom Vater, der zuerst alleine aus der Türkei kam und sich hier eine Freundin suchte gegen die Einsamkeit. Wie das andauernde Verhältnis die Familie belastete, als die Mutter mit den Kindern nachgekommen war. Zu siebt lebten sie in einer Zweizimmerwohnung, wo die Kinder im Wohnzimmer auf dem Fußboden ihre Hausaufgaben erledigten und abends die Matten zum Schlafen ausrollten. Enver hat vom Liebesentzug durch den Vater berichtet, davon, dass der Vater es als mangelnden Respekt auffasste, wenn der Sohn mit übereinandergeschlagenen Beinen dasaß. Wie bitte? Ja, so war das, das machte man nicht.

Als Enver endet, fragt Sümer, der 47-jährige Ingenieur vom Bodensee, vorsichtig: »Darf ich als türkischer Mann dich in den Arm nehmen?« Sie umfassen sich unbeholfen, klopfen einander auf die Schultern, wie Männer das tun, wenn sie ihre Rührung verbergen wollen. Dann halten sie inne, klammern sich aneinander, bleiben lange so stehen, weinen zusammen.

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