Literaturtipp: Nelka
Die Zwangsarbeiterin Nelka und die norddeutschen Apfelbäume

Roman. »Womit beginnen? Mit den Erzählten oder den Unerzählten?« Diese Frage stellt sich Svenja Leiber in »Nelka«. Ihre Protagonistin steht für jene, deren Geschichte lange unerzählt blieb. Nelka ist eine von Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges aus besetzten Ländern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Svenja Leiber skizziert das große historische Panorama durch intime Momente, die sie mit klaren Worten und zugleich behutsam erzählt. Sie schreibt von Flucht, Gewalt, Verlust – und von einer Frau, die sich dem Vergessen widersetzt. Der Roman beginnt damit, dass Nelka viele Jahrzehnte nach Ende des Krieges aus ihrer ukrainischen Heimat nach Norddeutschland zurückkehrt. Sie will jemanden besuchen. Wen und warum, das bleibt zunächst ungewiss. Dann offenbart sich, Schicht um Schicht, Nelkas Geschichte: die Verschleppung aus Lemberg, die Zwangsarbeit, der Hunger, sexualisierte Gewalt, das Überleben in einem System der Ausbeutung. Doch Nelka weiß, wie man Apfelbäume veredelt. Das eröffnet ihr inmitten der Gewalt zunächst einen begrenzten Spielraum.
Leiber zeigt, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern in Biografien fortwirkt. Sie erzählt davon, was Menschen einander antun – und was ihre Würde überleben lässt. Inspiriert ist »Nelka« von dem realen Brief einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin. Und von einem Apfelbaum im Garten von Leibers Elternhaus: Als Kind spielte sie darin, später erfuhr sie, dass Zwangsarbeiterinnen ihn gepflanzt hatten. Aus diesen Spuren formt Leiber Literatur, die zeigt, dass die Geschichte der Zwangsarbeit bis heute nicht nur in Biografien fortlebt, sondern auch in der Landschaft – oft unbemerkt.
Svenja Leiber: Nelka.Suhrkamp. 200 Seiten. 24 €




