Zur mobilen Webseite zurückkehren

Warten vor der Tür

Franz Kafka lebte mit dem bedrückenden Gefühl, in seinem Leben nie angekommen zu sein.
von Armin Rohrwick vom 22.10.2024
Artikel vorlesen lassen

Wenn in menschlichen Zusammenhängen vom »Ankommen« die Rede ist, geht es um die Frage, wie eine Person Sinn und Erfüllung in ihrem Dasein erfahren kann. Es wird ja dann gern vom »Ankommen im Leben« gesprochen. Gemeint ist damit, dass der Mensch zu einer gefestigten Persönlichkeit werden und einen angemessenen Platz in der Gesellschaft finden möge. Ankommen im Leben heißt, sich selbst finden und in der Welt heimisch werden. Da die »schöne« Literatur – wie keine andere kulturelle Praxis – der menschlichen Existenz in all ihren Konkretionen und Möglichkeiten nachspürt, ist dieses »Ankommen im Leben« ein großes literarisches Thema. Im sogenannten Bildungsroman, der im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Deutschland als eigenes Genre entstand und dann Karriere machte, hat der Werdegang eines Menschen zu einer reifen und reichen Persönlichkeit ihre wirkmächtige literarische Form gefunden. Mit »Wilhelm Meisters Lehrjahre« legte Johann Wolfgang von Goethe 1795/1796 den mustergültigen Bildungsroman vor, an dem die nachfolgenden Schriftstellergenerationen – bis heute – Maß nehmen, sei es in epigonenhafter Treue oder in kritischer Auseinandersetzung, sei es als ferne Erinnerung. Den Kaufmannssohn Wilhelm, der vom Wunsch getrieben wird, »mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden«, zieht es in die vermeintlich freie Welt des Theaters. Zwar kann er dort Erfolge feiern, letztendlich aber muss er enttäuscht erkennen, dass die Welt des schönen Scheins den Anforderungen der Wirklichkeit nicht genügt. Er wird einige Irrtümer begehen und in verschiedene Konflikte geraten, bis er endlich als Vater eines Sohnes und als Ehemann der Adelstochter Natalie im wirklichen Leben »ankommt« und als realitätstüchtiger Mann soziale Verantwortung übernimmt. Im Laufe und spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts verliert allerdings das optimistische Versprechen des Bildungsromans an Bedeutung und Kraft. Es klingt hohl und verlogen in Zeiten, wo das Individuelle und das Allgemeine immer weiter auseinanderdriften. Die Widersprüche zwischen Ich und Gesellschaft lassen sich nicht mehr harmonisch ausgleichen. Es ist nachgerade ein Zeichen der Moderne, dass Versöhnung misslingt.

  Gedruckt + Digital  
  Digital  

Hören Sie diesen Artikel weiter mit P F plus:

4 Wochen freier Zugang zu allen P F plus Artikeln inklusive ihh Payper.

Jetzt für 1,00 Euro testen!

Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0