Der Gletscher schweigt und schmilzt
Der Blick durch die überdimensionale Fensterfront des edlen Schweizer Berghotels im Engadin öffnet ein Postkartenmotiv. Unten ein rauschender Bergbach, dahinter tiefgrüne Wälder vor dem schneebedeckten Piz Palü und dem über 4000 Meter hohen Piz Bernina unter tiefblauem Himmel. Zwischen den traditionellen Engadiner Häusern am steilen Hang haben die zwei Hotels der Belle Epoque in dem historischen Bergsteigerdorf Pontresina unweit von St. Moritz einer exklusiven Gruppe von Menschen aus aller Welt die Tore geöffnet – dem Weltzukunftsrat. Rund 30 Männer und Frauen waren angereist – von Neuseeland bis Afrika, aus der arabischen Welt, aus Indien, Nord- und Südamerika, dem Fernen Osten, Europa. Ihr innerster Auftrag: Die Weltrettung versuchen. Jetzt stehen sie da, mit Schlips und Kragen manche, leger in Jeans und T-Shirt, mit traditionellem Sari, im Hosenanzug und langem Kleid, im Kaftan oder Djellaba andere. Alle unterhalten sich angeregt miteinander, der Pianist spielt im Hintergrund romantische Melodien. Ein perfektes Setting? Doch manchmal schaut jemand mit Stirnrunzeln hinaus auf das Postkartenmotiv hinter der Fensterfront – hinauf zum Morteratsch-Gletscher. Noch liegt das ewige Eis hier buchstäblich vor der Tür. Doch der Schein der Ewigkeit trügt, auch der längste und größte Gletscher des Engadin schmilzt immer schneller. Ob die übernächste Generation ihn noch erleben wird, ist ungewiss.
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