Wehe, wenn die Sonne nicht mehr hochkommt
Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung« – so beschreibt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem rasanten Essay die gesamte Kulturgeschichte. »Die moderne Menschheit ist ein Kollektiv von Brandstiftern, die an die unterirdischen Wälder und Moore Feuer lege« und alles unwiederbringlich verfeuere, um nur ja ihren wahnsinnigen Energiebedarf abzudecken. Neuerdings will man entsprechend auch Meeresböden abgreifen und selbst unterirdische Vulkanenergien bändigen oder alles ganz ins Weltall auslagern – immer auf dem wahnhaften Trip der Ausbeutung und Einverleibung ins eigene Konsumimperium, als gehörten wir Pyromanen nicht selbst zur sogenannten Umwelt. Die Gefahr, dass damit die Erde vollends abgefackelt wird und im hausgemachten Feuerbrand verglüht – schon von so unterschiedlichen Denkern wie Heraklit und Jesus befürchtet beziehungsweise erhofft –, ist verdammt konkret. Das »Spiel mit dem Feuer« auch religiös zu bedenken ist also keineswegs ein »spirituelles« Orchideenthema: bei Gottesfragen geht es immer um Tod und Leben (und umgekehrt auch). Verfeuern wir weiterhin »unsere« Ressourcen und uns selbst in den Verbrennungsmaschinen und -öfen der Geschichte oder lernen wir neu, dass Feuer (und Leben überhaupt) etwas Heiliges ist: den egoistischen Göttern geklaut, sagt die Prometheusgeschichte; vom großzügigen Schöpfergott geschenkt, sagt die Bibel. In jedem Fall ist das Feuer »der älteste Komplize von Homo sapiens bei seinem Ausbruch aus dem Zirkel bloßer Naturbedingungen« – und damit »eine anfängliche Gottesmetapher neben Wind, Blitz und Sonne«, schreibt Sloterdijk, und zugleich ein Inbild menschlicher Selbstermächtigung.
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Gotthard Fuchs ist Priester und Publizist, langjähriger Akademiedirektor. Er beschäftigt sich als Autor und Referent vor allem mit Fragen christlicher Mystik sowie mit dem Verhältnis von Theologie und Psychologie. Er lebt in Wiesbaden.

