Zur mobilen Webseite zurückkehren

Editorial
Friedvoll - oder: Was bist du denn für einer?

vom 23.01.2026
Artikel vorlesen lassen

»Ich wünsche dir ein gesundes, friedvolles Jahr«, hieß es in fast allen meinen Emails.
Friedvoll. So oft habe ich bei früheren Jahreswechseln das Wort nie gelesen. Friedvoll, ein Wort, auf dem heute die Schwere der Zeit lastet: Kriege, hungernde, verkrüppelte und
sterbende Kinder, ertrinkende Flüchtlinge – die Bilder von 2025 werden uns auch durch das Jahr 2026 verfolgen.

Dieser Artikel stammt aus Extra_LEBEN 2/2026 vom 29.01.2026, Seite 2
Die treuen Freunde alter Menschen
Die treuen Freunde alter Menschen
Doch das Leben mit einem Haustier wird ihnen oft verwehrt

Und dann greift Trump Venezuela an, will Grönland den USA einverleiben, droht Mexico, Kuba und Kolumbien. Ein Führer, der Migranten jagen und auf offener Straße erschießen lässt. »Und nun?«, fragt Michael Herl in seiner Kolumne in der Frankfurter Rundschau: »Wenn man mich vor 20 Jahren gefragt hätte, was geschehen würde, wenn die Nazis in Deutschland sich wieder anschicken, die Macht zu übernehmen, hätte ich geantwortet: Unvorstellbar!«

Unvorstellbar war auch der Gedanke für viele – vor allem ältere Menschen –, dass die Deutschen eines Tages wieder von Aufrüstung, Wehrpflicht und einem großen europäischen Krieg sprechen. Da würde doch das Land aufschreien wie am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten. Und Reinhard Mey würde singen: Meine Söhne (und Töchter) kriegt ihr nicht. Könnte man meinen.

Aber alles bleibt ruhig.

In dem Straßenmagazin FiftyFiftysagt der Kabarettist Christoph Sieber in einem Interview: »Wenn ich als Beispiel nehme, gegen den Krieg zu sein und zu sagen: Die Aufrüstung, die wir hier betreiben, ist unverhältnismäßig, das macht einen noch nicht zum Stiefelknecht Putins. Ich traue Putin nicht. Ich traue den Amerikanern aber genauso wenig. Ich finde, das sind Denkräume, die wir uns erhalten sollten.«

Denkräume? »Was bist du denn für einer?«, rief die Frau empört zu ihrem Tischnachbarn, als dieser sich kritisch über die »Kriegsrhetorik im Westen« äußerte. »Du hast ja wohl den Schuss nicht gehört und gar nichts begriffen. Du solltest lieber den Mund halten.« Und die andern schauten stumm um den ganzen Tisch herum. Keiner sagte was. Der so Beschimpfte wird wohl nie mehr an solch einem »Freundschaftsessen« teilnehmen.

Anzeige
loading

Ich halte nichts von guten Vorsätzen zum neuen Jahr, denn wir wissen ja alle, dass diese spätestens im Februar unseren Gewohnheiten zum Opfer gefallen sind. Trotzdem wage ich einen Vorschlag für das Jahr 2026: Rausgehen, sich nicht zurückziehen, Menschen sehen, mit ihnen sprechen, zuhören – auch wenn sie in unseren Ohren noch so viel »Quatsch« reden, tief durchatmen, fragen und dranbleiben. Selbst mutig sein und den eigenen Standpunkt vertreten. Das fällt mir persönlich nicht immer leicht. Aber ich will es riskieren. Mal sehen, was dann passiert.

Meine Zeit steht in deinen Händen, heißt es in Psalm 31.

Ich will nicht drängeln, aber wenn wir so weitermachen, zerrinnt uns die Zeit zwischen den Fingern, ohne dass wir mal miteinander gesprochen haben. Das wäre schade. Für den eigenen inneren Frieden und für den Frieden in der Welt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nachträglich
ein friedvolles neues Jahr

Doris Weber

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Kommentare und Leserbriefe
Ihr Kommentar
Noch 1000 Zeichen
Wenn Sie auf "Absenden" klicken, wird Ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an Publik-Forum.de verschickt. Sie erhalten per E-Mail nochmals eine Bestätigung. Der Kommentar wird veröffentlicht, sobald die Redaktion ihn freigeschaltet hat. Auch hierzu erhalten Sie ein E-Mail. Siehe dazu auch Datenschutzerklärung (Öffnet in einem neuen Tab).

Mit Absenden des Kommentars stimmen Sie der Verarbeitung Ihrer Daten zur Bearbeitung des Kommentars zu. Zum Text Ihres Kommentars wird auch Ihr Name gespeichert und veröffentlicht. Die E-Mail-Adresse wird für die Bestätigung der Bearbeitung genutzt. Dieser Einwilligung können Sie jederzeit widersprechen. Senden Sie dazu eine E-Mail an [email protected].

Jeder Artikel kann vom Tag seiner Veröffentlichung an zwei Wochen lang kommentiert werden. Publik-Forum.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus anderen Gründen inakzeptabele Beiträge nicht zu publizieren. Siehe dazu auch Netiquette (Öffnet in einem neuen Tab).
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0