Editorial
Friedvoll - oder: Was bist du denn für einer?

»Ich wünsche dir ein gesundes, friedvolles Jahr«, hieß es in fast allen meinen Emails.
Friedvoll. So oft habe ich bei früheren Jahreswechseln das Wort nie gelesen. Friedvoll, ein Wort, auf dem heute die Schwere der Zeit lastet: Kriege, hungernde, verkrüppelte und
sterbende Kinder, ertrinkende Flüchtlinge – die Bilder von 2025 werden uns auch durch das Jahr 2026 verfolgen.
Und dann greift Trump Venezuela an, will Grönland den USA einverleiben, droht Mexico, Kuba und Kolumbien. Ein Führer, der Migranten jagen und auf offener Straße erschießen lässt. »Und nun?«, fragt Michael Herl in seiner Kolumne in der Frankfurter Rundschau: »Wenn man mich vor 20 Jahren gefragt hätte, was geschehen würde, wenn die Nazis in Deutschland sich wieder anschicken, die Macht zu übernehmen, hätte ich geantwortet: Unvorstellbar!«
Unvorstellbar war auch der Gedanke für viele – vor allem ältere Menschen –, dass die Deutschen eines Tages wieder von Aufrüstung, Wehrpflicht und einem großen europäischen Krieg sprechen. Da würde doch das Land aufschreien wie am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten. Und Reinhard Mey würde singen: Meine Söhne (und Töchter) kriegt ihr nicht. Könnte man meinen.
Aber alles bleibt ruhig.
In dem Straßenmagazin FiftyFiftysagt der Kabarettist Christoph Sieber in einem Interview: »Wenn ich als Beispiel nehme, gegen den Krieg zu sein und zu sagen: Die Aufrüstung, die wir hier betreiben, ist unverhältnismäßig, das macht einen noch nicht zum Stiefelknecht Putins. Ich traue Putin nicht. Ich traue den Amerikanern aber genauso wenig. Ich finde, das sind Denkräume, die wir uns erhalten sollten.«
Denkräume? »Was bist du denn für einer?«, rief die Frau empört zu ihrem Tischnachbarn, als dieser sich kritisch über die »Kriegsrhetorik im Westen« äußerte. »Du hast ja wohl den Schuss nicht gehört und gar nichts begriffen. Du solltest lieber den Mund halten.« Und die andern schauten stumm um den ganzen Tisch herum. Keiner sagte was. Der so Beschimpfte wird wohl nie mehr an solch einem »Freundschaftsessen« teilnehmen.

Ich halte nichts von guten Vorsätzen zum neuen Jahr, denn wir wissen ja alle, dass diese spätestens im Februar unseren Gewohnheiten zum Opfer gefallen sind. Trotzdem wage ich einen Vorschlag für das Jahr 2026: Rausgehen, sich nicht zurückziehen, Menschen sehen, mit ihnen sprechen, zuhören – auch wenn sie in unseren Ohren noch so viel »Quatsch« reden, tief durchatmen, fragen und dranbleiben. Selbst mutig sein und den eigenen Standpunkt vertreten. Das fällt mir persönlich nicht immer leicht. Aber ich will es riskieren. Mal sehen, was dann passiert.
Meine Zeit steht in deinen Händen, heißt es in Psalm 31.
Ich will nicht drängeln, aber wenn wir so weitermachen, zerrinnt uns die Zeit zwischen den Fingern, ohne dass wir mal miteinander gesprochen haben. Das wäre schade. Für den eigenen inneren Frieden und für den Frieden in der Welt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nachträglich
ein friedvolles neues Jahr
Doris Weber




