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Was tun gegen Gewalt in der Pflege?

Die Menschenrechte alter Menschen werden täglich verletzt, sagt Pflege-Experte Claus Fussek. Es fehle an Personal, die Pflegekräfte seien überfordert. Fussek sieht vorrangig Heimträger, Leitende und Pflegekräfte in der Pflicht, die Lage zu ändern. Und was ist mit den Stellschrauben der Politik?
von Barbara Tambour vom 27.01.2017
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Der Sozialpädagoge und Buchautor Claus Fussek beschäftigt sich intensiv mit der Pflege in Deutschland (Foto: Schlaf)
Der Sozialpädagoge und Buchautor Claus Fussek beschäftigt sich intensiv mit der Pflege in Deutschland (Foto: Schlaf)

Publik-Forum: Eine Umfrage zeigt: Die Rechte pflegebedürftiger Menschen werden missachtet. Jede dritte Altenpflegekraft sieht das auch regelmäßig. Was passiert da?

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Claus Fussek: Ich behaupte, jede Pflegekraft und jeder Heimleiter wissen davon! Wenn am Nachmittag zwei Pflegekräfte für dreißig alte, pflegebedürftige Menschen zuständig sind, dann werden diese nicht zur Toilette begleitet, wenn sie darum bitten. Dann hat keiner Zeit, sie beim Aufstehen und Bewegen zu begleiten. Sie kommen fast nie an die frische Luft. Unruhige Demente werden häufig mit Medikamenten ruhiggestellt. Das ist strukturelle Gewalt.

Was sind die Ursachen dafür?

Fussek: Es fehlt in vielen Einrichtungen an Personal. Da müssen schon Pflegeschüler arbeiten wie Fachkräfte, werden überfordert und verheizt.

Bei Ihnen melden sich immer wieder Angehörige und klagen.

Fussek: Gerade eben rief ein Mann an, erzählte, dass seine demente, fast blinde und taube Mutter im Heim das Essen einfach hingestellt bekommt – und oft wird es unberührt wieder abgeräumt – denn sie hat gar nicht mitbekommen, dass es da war. Wenn er nicht täglich zu ihr ginge, würde sie hungern, meint der Mann.

Wer ist schuld an diesen Zuständen?

Fussek: Verantwortlich sind Heimträger, -leiter, Pflegedienstleitungen und Pflegekräfte. Sie müssten sich endlich untereinander solidarisieren – und mit den ihnen anvertrauten besonders schutzbedürftigen Menschen und deren Angehörigen. Sie müssen das Schweigen brechen. Jede Pflegekraft weiß um Gewalt gegenüber alten, kranken, sterbenden Menschen.

Viele sehen vor allem die Politik gefordert.

Fussek: Das ist eine beliebte Forderung, die ich aber nicht teile. Ich sehe vorrangig die Heimträger, -leiter und die Pflegekräfte in der Pflicht. Wenn die bestehenden Gesetze eingehalten würden, wäre das schon gut.

Sind »teure« oder »christliche« Heime besser?

Fussek: Leider nein, auch eine christliche Trägerschaft oder ein privates Heim garantiert nicht automatisch gute Pflege. Aber es gibt auch gut geführte Heime.

Was machen sie anders?

Fussek: Dort wird ein Klima der Wertschätzung für alle Mitarbeiter gepflegt. Das muss von der Leitung ausgehen. Dort sind viele Ehrenamtliche aktiv, es gibt Seelsorge und psychologische Begleitung für Bewohner wie für Mitarbeiter. Palliativ-Fortbildungen sind Pflicht. Dort herrscht eine andere Haltung, dort geht die Leitung konstruktiv und ehrlich mit Kritik um – anders als in den schlechten Heimen, wo Beschwerden totgeschwiegen werden.

Wie finde ich heraus, ob in einem Heim gut gepflegt wird – oder nicht?

Fussek: Durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Und gehen Sie mal abends um 18 Uhr bei gutem Wetter dorthin: Sind alle Patienten schon im Bett? Riecht es nach Kot und Urin? Dann Finger weg.

Wie könnte die Situation Pflegebedürftiger verbessert werden?

Fussek: Wir brauchen eine Bürgerbewegung in der Altenpflege – ähnlich wie die Hospiz- und die Flüchtlingsbewegung! Und die Pflegekräfte müssen endlich sagen: Da mache ich nicht mehr mit! Die sind so rar und begehrt, dass Angst um den Arbeitsplatz wirklich kein Grund sein darf, länger zu diesen Zuständen zu schweigen und wegzuschauen. Was sich in Pflegeheimen abspielt, ist eine der größten Humankatastrophen nach dem Zweiten Weltkrieg – in diesem reichen Land!

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Personalaudioinformationstext:   Claus Fussek, geboren 1953, ist Sozialpädagoge. Mit Gottlob Schober hat er das Buch verfasst: »Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte«. Fussek ist Träger des Deutschen Fairness Preises 2014, verliehen von der Fairness Stiftung.
Schlagwörter: Menschenrechte Politik
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